27.4.08

DISKUSSION ÜBER ARBEITSEMIGRANTEN

MK: Du zeigst Dich in Deinem Blog als Rassist. Hinter diesem Facharbeitersozialismusgerede steckt tiefverwurzelt alter Natiosozialismus. Sozialismus ist dagegen für alle da.
Ich: Also Wurzeln habe ich schon, wer hat keine? Aber etwas zu den Arbeitsemigraten: Sie wurden importiert, um den Arbeitsmarkt für das Kapital kontrollierbar zu machen. Das Kapital setzt auf Internationalismus, wenn es damit politische Begrenzungen im nationalen Rahmen bekämpfen kann. Wie jetzt etwa bei den EU-Verträgen.

MK: Aber die deutsche Arbeiterklasse ist doch nur an einem gut funktionierenden Kapitalismus interessiert und hat kein Interesse an einer Systemveränderung. Für das politische System ist es außerdem gleichgültig, wer die Arbeit macht, Inländer oder Ausländer.
Ich: Das stimmt für den beharrenden Teil, also die Arbeiter, die ihren Horizont auf das Leben in ihrem beruflichen Milieu beschränkt haben, die, die nicht in gesellschaftlichen Bezügen denken, sondern sich auf gegebene Konsummöglichkeiten reduziert haben. Alle nehmen mehr oder weniger bewusst gesellschaftlichen Unterschiede und Ungerechtigkeit wahr. Die einen verarbeiten es politisch, die andere individuell. Das gesellschaftlich vorgegebene und dominante Muster ist das der Mittelschicht; nämlich individuell intelligente Anpassung, Fleiß und Aufstieg. Die Verbreitung politischer Lösungsformen hängt von Resonanz in einer Öffentlichkeit ab. Diese Öffentlichkeit gibt es derzeit nicht. Als nicht materiell und praktisch sich durchsetzende Lösung bleibt eine sozialistische Orientierung nur Bewusstsein, Einstellung aber auch Gerede, Attitüde, individuelle Macke.
Die „linke“ Fantasie vieler Arbeiter bleibt allerdings in einem nationalen Rahmen stecken, sei es als nationaler sozialer Kapitalismus oder als nationaler Sozialismus.
Es ist auch nicht übertrieben, zu behaupten, die deutschen Arbeiter hätten in den Gastarbeitern zunächst weniger eine Konkurrenz gesehen als vielmehr eine Möglichkeit, auf deren Rücken aufzusteigen, die unqualifizierte Arbeit an Billigarbeiter abzugeben. Ich selber habe erfahren, wie deutsche Arbeiter durch die Gastarbeiter automatisch zum Vorarbeiter und Industriemeister aufgestiegen sind.

MK: Marx geht davon aus, dass der Kapitalismus nationale Besonderheiten im Weltmarkt egalisiert und da er international agiert, notwendigerweise international mit ihm umgegangen werden muss.
Ich: Marx geht von der Erfahrung der Internationalität von 1830 und 1848 aus. Aber das waren historische Sonderfälle, bei denen die Arbeiterklasse auch keine führende Rolle gespielt hat. In Wirklichkeit macht dieser hohe Anspruch auf Internationalismus, der über Rhetorik und Demos hinausgeht, den Bewegungsrahmen nur kleiner.
Man muss stattdessen von dem Bezugssystem ausgehen, in dem sich für die Menschen die politischen Prozesse und Entscheidungen abspielen. Das ist der nationale Rahmen.

MK: Das ist doch klassische Sozialdemokratie, am Ende noch mit „Burgfrieden“.
Ich: Der Gedanke einer sozialen Demokratie muss doch nicht schlecht sein. Aber ich glaube nicht, dass die Sozialdemokraten den Bruch mit dem Kapitalismus wirklich wollen.

MK: Heißt das also Krieg am Band mit „Ostarbeitern?“ Das ist doch Rassismus! Du wirst von Ihnen mit Recht als arroganter Deutscher gesehen, der sie bevormunden will. Sie wollen nur so leben wie die anderen Deutschen und nicht wie Du mit Deinem Sparsamkeitszwang!
Ich: Krieg oder Kampagnen wären blödsinnig und asozial. Die Gastarbeiter haben zwar als konkurrierendes Element das Machtverhältnis zu Ungunsten der Arbeiterklasse geschwächt, aber gleichzeitig bei den deutschen Arbeitern – ohne es bewusst zu wollen - systemkonforme Haltungen befördert. Sie selber haben eine Erfahrung von Herabsetzung, Missachtung und Diskriminierung, aber beziehen das nur auf sich, ohne die sozialen Verhältnisse ändern zu wollen. Sie haben Angst, ihre materiellen Grundlagen zu verlieren, denken nicht in Alternativen sondern leben in dem Wunsch, das vorhandene deutsche Niveau zu erreichen. Auto, nicht Fahrrad.

MK: Eine NPD-Parolen lautet: „Volksgemeinschaft statt Globalisierung“.
Die NPD-Klientel entsteht aus dem Bereich der durch Konkurrenz und Globalisierung bedrohten oder ausgeschiedenen Gesellschaftsgruppen. Das nationale Argument ist das letzte, das sie noch für sich in Anspruch nehmen können. Es ist aber ein Skandal, dass nicht alle – ob Leistungsträger oder nicht – einen gesellschaftlichen Platz haben. Die Antifa vermute ich - ich kenn zu wenige - stammt aus dem Mittelschichtsmilieu, ist materiell nicht bedroht, nicht zur Konkurrenz mit Ausländern, Hartz4lern gezwungen.
Sie fühlt sich moralisch überlegen, und ist de facto genauso aggressiv wie ihr Gegner. Sinnvoller, statt gegen die NPD zu marschieren, wäre es, für einen menschlichen Umgang, ein realistisches Selbstbild und realisierbare gesellschaftliche Chancen dieser Klientel zu sorgen und die Institutionen anzugreifen, die Menschen diskriminieren und disqualifizieren: Schule und Betriebe, Gewerkschaften.

MK: Aber die politische Trennlinie besteht heute zwischen Faschisten und Antifaschisten.
Ich: Nein, das sind nur Profilierungskonzepte einer Elite, die kein soziales Programm mehr hat, die ihre „überlegene“ Identität durch eine Abgrenzung gegen moralisch, bildungsmäßige und andere Unterlegenheit konstruiert. Typisch dafür etwa
Storz im Freitag, der zu einem Bündnis von Parteien, Gewerkschaften und Kirchen gegen rechts aufruft, also gerade den Institutionen, die marktgläubig Differenzierung, Konkurrenz und Mittelschichtskultur als Leitbild haben. Wie wäre es, wenn Gewerkschaften Diskussion, Information, gleichwertige Bildungsabschlüsse und Löhne für alle zu ihrem Ziel machen würden und nicht Prozentforderungen, Versicherungsmentalität und Marktanpassung.
Die politische Trennlinie liegt in der politischen Intelligenz selber. Darin ob sie in der Lage ist, kollektive Konzepte wirksam werden zu lassen. Also statt technokratischen Konzepten der Existenz – die im Wesentlichen auf der intelligenten Anpassung an Märkte bestehen – politisierte Existenzformen, die die gesellschaftlichen Implikationen politischer Entscheidungen reflektieren können: Bildung, Tarifverträge, Konsumverhalten und Umgangsformen. Also: Markt oder Demokratie.

20.4.08

Kleiner Eklat am Band

Der Kollege hat nun eine private Sache schon fast eine Stunde in der Maschine laufen lassen. Mir geht es langsam auf den Wecker. Und als er es wieder lädt, platze ich. Mein Protest lässt ihn nach Luft schnappen: „Was bist Du für ein Mensch“. Sein Ton macht mich fühlbar zum kalten Ungeheuer. „Keiner will mit dir arbeiten“. Das stimmt, mein Tempo, meine Ökonomie etc. machen es anderen schwer. Oder von mir aus gesehen: Ich kann ihren Trott, die Energieverschwendung kaum aushalten. Überall Lichter an, auch wo nicht gearbeitet wird, Heizungen auch bei 25°an, stundenlang laufen energieaufwendig Maschinen für kleinste Mengen. Wäre ich Chef der Firma, würde ich gleich 15% der Kosten allein mit Energiesparmaßnahmen reduzieren. (Ich verrate mich; ich denke schon wie ein Chef).
Aber ich bin dann doch geschockt über diesen Hassausbruch und mir ist klar, dass ich nun die ganze Ostmafia gegen mich habe. Darin Unterchefin und Gewerkschaften. Sie haben dank ihrer relativen Zuverlässigkeit, vor allem der Frauen, eine Bastion in der Abteilung errichtet und sind überzeugt, dass die Firma ökonomisch eine Art Staatsbetrieb ist, den man gnadenlos für sich nutzen kann. (Vielleicht haben sie Recht, aber de facto ist es asozial, so asozial wie ihr politisches und gewerkschaftliches Verhalten). Weil sie spüren, dass sie potentiell überflüssig sein könnten – durch Rationalisierung, die Maschinerie – versuchen sie möglichst langsam und wenig zu arbeiten.
Für mich Halbzeitler und obwohl älter als die Kollegen, ist die Arbeit am Band eher eine Art Sport und Herausforderung, vor allem am Abend wenn ich dann allein bin ein positiver Stress . (Gut, es gab auch schon Tage, an denen ich durchgehangen habe.) Den Kollegen dagegen in der Routine eines Ganztagesjobs steckend fehlt ein Ausgleich neben der Arbeit, wie bei mir etwa Internet, Schreiben, Lesen, Garten, Sport usw. Schon Radfahren finden sie lächerlich. Die Arbeit und der Hass gegen die Arbeit frisst ihre Seele auf.
Zunächst war ich kaltgestellt. Schlaflose Stunden. Aber ich fühle mich im Recht und brauche ihre Kollegialität nicht. Den deutschen Eliten ist mit dem Import der Arbeiter aus dem Osten gelungen, sich eine abhängige Klientel zu schaffen. Das, was ihr an Verantwortungsgefühl fehlt – ein Korrelat politischer Kritikfähigkeit -, das macht sie mit ihrer Angst, Feigheit und Mobbingbereitschaft umso leichter manipulierbar.
Jetzt beginne ich mir zu überlegen, wie mein Abschied nächstes Jahr aussehen soll. Werde versuchen, einige Unfreundlichkeiten rüberzubringen. Der Chef mit seiner Arroganz soll auch drankommen. Die letzten Abteilungsbesprechungen legt er immer so, dass ich nicht dabei bin.

15.4.08

Zu einem Kommentar

Ein Kommentator meint, Staat wäre auch in Zeiten von Neoliberalismus und Globalisierung notwendigerweise autoritär. - Es ging mir aber bei der Kritik an Reinecke nicht darum, Staat und gesellschaftliche Institutionen grundsätzlich für schlecht zu halten. Ich denke, Reinecke hat darin Recht, als er die spontane Selbstorganisationskraft der Massen kritisch sieht. Das Problem liegt darin, dass sie, will sie wirksam werden, in sich selber staatsähnliche Strukturen ausbildet bis hin zur formellen oder informellen Strafjustiz. – Man kann das zwar durch die permanente Revolution oder Diskussion aufheben, wie es ja wohl auch von Dutschke in seinem „langen Marsch“ gemeint war, aber woher kommt diese kritische Bewegung? Aus der Moral, der Religion, der Vernunft, dem Naturrecht, der Widersprüchlichkeit der Institutionen, menschlichen (biologische) Bedürfnissen, natürlichem Gerechtigkeitssinn, von den „unterdrückten“ Menschen, ihrer Klassenlage, aus den Feindschaftsverhältnissen zwischen Mensch und Staat oder innerhalb der Gesellschaft, dem erreichten neuen Konsumniveau, den Grenzen in der Produktion oder der Geldökonomie, der Energie- und Rohstoffressourcen, Grenzen der Natur oder, oder …??
Das ist ein ziemlich widersprüchliches Geflecht. Warum ist die Bewegung ab dem 11.4.68 totgelaufen? Weil sie versucht hat, dieses Wirrwarr auf ein Feindschaftsverhältnis zu reduzieren.

Zur Plattform von Google: Hier ist es die gleiche Problematik wie bei Aldi, einfach zu handhaben, aber im Sog eines Monopols. Bei meinem Blog geht es neben der Abfuhr von Wut eher um Selbstreflexion als darum, auf andere Einfluss zu nehmen. Oder eher um eine Aufforderung mitzudenken, als um Bestätigung von Übereinstimmungen. Eine freie, offene und nicht polemische Diskussion ist schwierig.
Die gegebene Ohnmacht kann auch die Basis eines neuen Denkens sein. Soll sich wirklich etwas ändern – etwas sehr utopisches – müssen die Bedingungen überlegt werden, worauf es ankommt, wo die Fundamente, oder Quellen, die Wurzeln einer sozialistischen Gesellschaft sind.
Parteibildung, Lagerbildung ist schon deswegen problematisch, weil ich genauso wie andere – nimmt man etwa den berühmten „proletarischen Menschen“ (ein „Begriff“ von 67/68) – ein widersprüchliches Wesen bin. Und das ist zunächst jenseits von Gut und Böse zu denken, oder irgendeinem Lager, diesem Begriff aus der Militärsprache.

Die Neue Linke ist als Praxis gescheitert und muss neu durchdacht werden. Zentraler Mangel war ihre Bindung an die Mittelschicht. Falsch wäre eine Fixierung auf: Ausgrenzungen und Eingrenzungen, sei es Partei, (Anti-)Parlamentarismus, Gewerkschaft, linke Subkultur, linke Philosophie, linke Milieus usw. anstelle eines vernünftigen Diskussion aller mit allen. Ohne eine Einheit der Gegensätze geht es nicht, sie muss nur immer neu gefunden werden. (Reinecke dagegen will, wenn er die Staatsskepsis streichen will, die Dialektik stillstellen).

Aber ich werde mich interessieren, was bei blogsport.com läuft.

12.4.08

STAAT und DUTSCHKE

In der Taz schreibt Stefan Reinecke - dessen klare Schreibweise ich schätze - eine Kritik der antiautoritären Linken um Dutschke.
„Komplett auf den Müllhaufen der Geschichte gehört die Staatsskepsis“.“Wer dauerhaft sozialen Ausgleich und demokratische Verlässlichkeit will, kommt um Institutionen nicht herum“. Das sagt er zu Dutschke, der in einer rhetorischen Phrase, den „langen Marsch durch die Institutionen“ gefordert hatte. Gegen den Staat, so Reinecke, sind die (Neo-)Liberalen, die globalisierten Ausbeuter. Der Staat ist kein Obrigkeitsstaat mehr.
Ok – der Staat ist „Sozialstaat“, als er doch viele am Leben hält, die sonst in ihrer gesellschaftlichen Trostlosigkeit absaufen und vollkommen verwahrlosen würden. Darüberhinaus übt er sich in antifaschistischer Rhetorik (wie kürzlich im Bundestag anlässlich des Ermächtigungsgesetzes), und segnet die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse mit einem Anschein von Rechtmäßigkeit ab. Um diesen Anschein zu erhalten, geht er einige Kompromisse ein, kann diese aber im Konfliktfall auch leicht wieder aufgeben. Nur ein naiv Gläubiger kann sagen, dass der „Rechtsstaat“ im Grunde aus mehr als darin besteht, Verlässlichkeit und Gewohnheit zu garantieren. Zum Wesen des Rechts gehört die demokratische Kontrolle der Produktionsverhältnisse. Wie soll das hier funktionieren, wo Demokratie im Rederecht und Medienprivileg der herrschenden bürgerlichen Elite besteht? Der Staat ist nichts anderes als die Spielwiese der kapitalopportunistischen Mittelklasse, ihre Medium der Bereicherung, ein Theater der freien Rede angesichts der Diktatur in den Institutionen. Recht beschränkt sich auf minimale Schutzrechte, etwa körperliche Unversehrtheit. Aber auch die können durch Arbeitsverhältnisse, Umweltpolitik, Erziehung usw. leicht außer Kraft gesetzt werden. Gesund ist, was Geld bringt.
„Die Linke muss den Staat und auch supranationale Institutionen nutzen, um der blinden Macht des Marktes Gerechtigkeitspolitik abzutrotzen.“ – Heißt das, dass wir jetzt den Energieverbrauch auf 2 to CO2/Jahr/Person reduzieren, dass wir faire Preise für Rohstoffe und Waren zahlen? Natürlich nicht. Dieses Staatsmodell ist nur eine Lüge, mit der die Mittelklasse notwendige Konflikte vermeiden und sich seine Privilegien sichern kann.

Sicher – Reinecke hat in einer Kritik an Dutschke recht. Dutschke personifizierte ein religiöses Charisma; man denke nur an die Rhetorik einer machbaren Geschichte. Aber auch das gehört zum Sozialismus. Die Differenz zu früher liegt nur darin, dass wir an dieser Utopie als einzig richtiger festhalten und gleichzeitig mit Trauer und Verzweiflung wissen, dass es wohl nicht mehr möglich sein wird.
Reinecke spricht vom „blauäugige(n) Vertrauen in Selbstorganisationskräfte der Massen“. Ja – das ist dasselbe Paradoxon. Die Spontaneität der Menschen, ihre demokratische Selbstorganisation bedarf der institutionellen Voraussetzungen, der Aussicht auf Realisierbarkeit, die eben durch diese Institutionen verhindert wird.
Recht und Gerechtigkeit organisieren sich derzeit jenseits des Staats.

11.4.08

ROMAN HERZOG: PLÜNDERER

Einer, der das Zigfache eines Durchschnittsrentners erhält, erlaubt sich die Rentenerhöhung von 1,1% - de facto im Laufe der letzten Jahre durch Inflation eine Senkung um rund 10 % - eine “Ausplünderung“ der Jungen durch die Alten zu nennen. Also einer der Chefplünderer.
Keine Plünderung ist die neoliberale Reform, von ihm in seiner Ruckrede angefordert, die eine Rentenbeitragserhöhung durch Riester um 4 % bedeutet, 2% Entlastung der Arbeitgeber. Arbeit soll billig sein, ist die Devise der Plünderer.
Dieser Typ aus dem Milieu der Befürworter des Ermächtigungsgesetzes, Assistent des Nazijuristen Maunz, machte sich populär, als er von der „Kuschelpädagogik“ redete, diesen misslungenen Versuchen, Menschlichkeit in die Schule zu bringen. Erfolgreich stiefeln jetzt die Produkte der Herzogschen Antikuschelpädagogik durch die Lande. Man versteht sich.
Sein Demokratieverständnis offenbarte er nach den Wahlerfolgen der Linken: Wahlrecht ändern! Jawoll, Herr Herzog!
George Orwell stellt in seiner Animal Farm die Plünderer als Schweine dar. - Welche Beleidigung für Tiere, die für das Wohlergehen der Menschen millionenfach den Opfertod von Jesus wiederholen müssen.

Der größte Skandal an den Äußerungen von Herzog ist aber das kommentarlose Schweigen der Presse. Da ist keiner, der ihm endlich das Maul stopft.

9.4.08

KONSUMKOTZMASCHINE

Ich träume, wie ich an einer Maschine arbeite, auf deren Band die vollgefüllten Teller gestellt werden. Sie spuckt alles wieder kleingehäckselt wieder aus. Es stinkt nach Kotze.

Eine Maschine, die die konsumierenden Menschen überflüssig macht. Wichtig ist aber, dass diese Maschine noch von Menschen bedient wird. Ohne Ausbeutung lebendiger Arbeitskraft kein Mehrwert und kein Profit. Die Konsumkotzmaschine würde die Suche nach Komapatienten, die jahrelang mit Astronautennahrung dahingepflegt werden, überflüssig machen. Aber wer bezahlt die Maschine? Man könnte folgende Lösung finden: die Angehörigen eines medizinisch gut versorgten Komapatienten bekommen die Erlaubnis zum Sterben ihres Angehörigen unter der Bedingung einer Zahlung.

Oder anders: Es wird durch neue Maschinerie zuviel produziert – Überakkumulationskrise! Wer frisst den ganzen Dreck? Also: eine Konsummaschine. Wer zahlt sie? Die, die die restlichen Lebensmittel konsumieren.

Oder ein Kapitalismus ohne Kapitalisten. Da die Klasse fehlt, die den Mehrwert aufbraucht, verfrisst usw., muss diese Arbeit von einer Maschine übernommen werden.

Eine philosophische Interpretation: ein Großteil des konsumierenden Lebens könnte auch von einer Maschine übernommen werden. Oder die, die ihren Lebenssinn aus dem Konsumieren von Waren beziehen, ihr Leben ist so leer wie eine Maschine. Ihren Lebenssinn füllen sie mit dem Besitz von Dingen. Dinge, die sie in Kotze verwandeln. Die großen Taktgeber der Medien führen ihnen vor, was sie zu haben haben. Sie konsumieren mit anderem auf dem Level von Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zur menschlichen Spezies über den Besitz der zu habenden Waren. Wie eine Konsumkotzmaschine funktionieren zu können, definiert ihren Lebenssinn. Die durch einen Tauschwert gesellschaftlich objektiv gewordenen Waren vermitteln dem Konsumenten den Anschein gesellschaftlicher Werthaftigkeit. Damit auch Austauschbarkeit und Identitätslosigkeit. Wesen ohne Seele: Maschine.

Der Geruch oder Gestank? Obwohl an sich körpereigen stößt die Kotze doch ab. Und ist gleichzeitig eine biologische Aufforderung, selber zu kotzen. Die Maschine nimmt damit einen lebendigen, mehr noch unangenehm kollegialen und menschlichen Charakter an. Auch bei Kindern kann man diese Gerüche kennenlernen.

Meine eigene Arbeit steht in diesem Kreislauf von Rein und Raus. Teils stehe ich vor, teils hinter der Maschine.

7.4.08

LINKS GELÖSCHT

Zuerst die „Junge Welt“. – Was hier an Blödsinn über Mugabe und Tsvangirai geschrieben wurde, zeigt, dass hier immer noch die alten Kämpfer am Werk sind: alte Konfrontationen ohne Rücksicht auf menschliche Werte und Rechte, eben Stalinismus. Es gibt zwar gewichtige Argumente gegen Tsvangirai – etwa ein fehlendes Programm, das die Autonomie wiederherstellt ohne die alten kolonialen Wirtschaftsstrukturen wiederzubeleben – aber ihn nur als Agenten von Großbritannien darzustellen, ist destruktive und dümmliche Polemik. Offensichtlich sind die faschistischen Beerhallveteranen, die sich jetzt wieder breit machen wollen, ihre politischen Anverwandten.
Dann der SpiegelOnline. Bedauerlicherweise werde ich damit auf einigen politischen Klatsch verzichten müssen; vor allem werde ich nun nicht mehr sehen können, wie die Gehirnreste der deutschen „Intelligentsia“ mit neoliberalen Ressentiments blödgeknetet werden, dem Ethnozentrismus der Erfolgreichen. Dafür brauche ich mich über die Ersetzung von Diskussion und Argumentation durch polemische Anmache nicht mehr zu ärgern.
Aber klinkt man sich da nicht auf wichtigen „Diskussionszusammenhängen“ aus und begibt sich ins Sektierertum?
Warum soll man aber immer auf die halblinke Intelligentsia, bzw. auf die lautstärkste Fraktion des Bürgertums starren?
Man sieht, dass man bewusst oder unbewusst großen Respekt vor dieser Medienmacht hat. Dagegen helfen all die guten Argumente nicht, die man sich als politisch-philosophischer Heimwerker mühsam zusammenbastelt. Denn sie haben ja Kapital und Macht und damit in der Hand, was „Realität“ ist.
Manchmal oder oft, wenn ich an linke Ohnmacht denke, fällt mir nur die Vision ein, wie alles zusammenbricht, Bilder wie in manchen von Romanen Doris Lessing.
Aber das ist zu kurz gedacht. Wo immer es Elemente von Krisenhaftigkeit gibt, etwa Finanzsystem, Energie, gesellschaftliche Moral, internationale Beziehungen, gibt es doch für den Kapitalismus ein enormes Reservoir an Lösungsmöglichkeiten, die gerade durch die Krise seine immanenten Methoden unterstützen und ihn sogar noch expandieren lassen. Das wären Wissenschaft, Technik, bürgerliche Medien, die Macht der Gewohnheit, der Individualismus der Menschen, die individuelle Bedürftigkeit und Not.
Dagegen wirken unsere Konzepte von: Diskurs, gesellschaftlicher Gerechtigkeit, Gemeinschaft, Priorität von Beziehungen vor Individualität, die Selbstverständigung der menschlichen Seele durch ihre Entfaltung in der Kunst, Weg nach innen und außen statt Besitznahme von möglichst vielen Dingen – als veraltet, „romantisch“. Und noch viele andere abschätzige Formeln ließen sich finden.
Manchmal denke ich an militante Aktionen. Sie würden die Gefühle von vielen – voll Wut über die tägliche Diskriminierung, Ohnmacht – ausdrücken, aber doch nichts Neues bringen.
Manchmal denke ich, die Menschheit muss erst am Abgrund angelangt sein, um sich bewusst zu werden, was sie alles verpasst hat. Das ist dann der einzige wahre revolutionäre Moment. Die Erkenntnis kommt dann aber zu spät.

In einem
Blog lese ich ein Gedicht dieser etwas katholisierenden Chr. Busta:

"Ich glaube, daß jeder Mensch
mit einer unerfüllten Sehnsucht
von dieser Erde scheidet.
Aber ich glaube auch,
daß die Treue zu dieser Sehnsucht
die Erfüllung unseres Lebens ist."

31.3.08

BLOCKADE

Manche glauben, sie bräuchten solche Überlegungen, wie ich sie in diesem Blog unternehme, nicht ernst zu nehmen. Sie glauben, meine Meinung wäre nur eine absonderliche Minderheitsmeinung und von daher nicht relevant. Man bräuchte sich also keine Gedanken zu machen über Alternativen zu diesem Wirtschafts- ung Gesellschaftssystem. Im Großen und Ganzen wäre ja alles in Ordnung. Die Probleme gingen nicht von der Autorität, den herrschenden Instanzen, seien es Staat oder Unternehmer aus, sondern eher von der Seite der Mitläufer, seien es Gleichaltrige oder Kollegen. (Da ist was dran. No doubt.) Und sie projizieren ein Leben mit Beruf und Konsumgütern, sehen sich als materiell gut ausgestattet und wohl versorgt an. Eigentlich hätten sie keinen Grund zu klagen. (Ohne Begriff für ihr Unbehagen, dieses KeinBockaufNichts, die in Panik treibende Angst vor jeder Änderung, die Wüste, in der sie leben.) Vorgelebt wird ihnen dieses safe life in Fernsehen und Internet. Katastrophen sind individuell verschuldet. Eine starke Persönlichkeit kann mit Beziehungsabbrüchen und Existenzbrüchen leben. Man kämpft sich durch und braucht nicht mit Unmöglichem auffallen. Mit der Religion ist auch das Verlangen nach Transzendenz und der Aufbruch zu etwas Neuem abgeschafft. Das Leben steckt in einer Sauce von Schokolade und Pommes Frittes. Daneben ist der Warenhimmel voll mit Dingen, die es noch zu erreichen gibt. So wie für die Völker der Dritten Welt die Erste das Paradies darstellt und es keinen Grund gibt, durch ein System von Arbeit, Begrenzungen und Zumutungen hindurchzugehen.
Vielleicht sind die Utopien meiner Kindheit: Religion als Versprechen von lebensvoller Ordnung, Musik als Verbindung von individueller Seele und Gemeinschaft, Wissen und Arbeit als kollektive Autonomie – obsolet geworden und können ersetzt werden durch: Job, Geld, Freizeitindustrie - statt: Leben in Unzufriedenheit, Reflexion des Unglücks, Versuche, Gedanken und Experimente von Alternativen, das „gute Leben“ wenigstens denken.
Zugegeben; ich moralisiere mit solchen Begriffen. Es ist zu klar, was besser ist. Ich werde damit meinen Kontrahenten nicht gerecht.
Aber ihr System ist auf Sand gebaut. Der Markt, der ihnen die schönen Dinge verspricht, nimmt ihnen oder anderen über kurz oder lang die Existenzgrundlagen, macht sie bestenfalls zum Teil eines langfristig gesehen überflüssigen parasitären Systems. Parasitär im Energieverbrauch, im Verbrauch von Ressourcen. Produktiv nur in den Finten, sich die Arbeit anderer Menschen anzueignen, sich in den Waren- und Geldstrom einzuklinken.

30.3.08

PENDLERPAUSCHALE

Mit CSU-Huber ist Lafontaine für die Einführung der Pendlerpauschale. Damit macht er die ökologischen Ansprüche der Linken unglaubwürdig und unterstützt die ökologisch bewusstlose Idiotie.
Die Zumutbarkeitsregelung für Arbeitslose, nötigenfalls 1 Stunde zur Arbeit mit dem Auto zu fahren, in Frage zu stellen, das hätte Sinn, ist aber nicht populär.
Es zeigt, wie das Verlangen nach Macht korrumpiert. – Schade, ich habe mehr erwartet.

19.3.08

„TEUFELSBRATEN“

Der Film hat mich bewegt. Dieser wütende Vater, ein eifersüchtiger Gott. Die keifende Mutter, der abergläubische Katholizismus. Das kenne ich so. Am Ende verlässt das Mädchen das Milieu. Sie hat ihr Milieu, vielleicht sogar ihre Klasse, verraten, kann die Destruktivität nicht mehr ertragen. Mit Elias Kultur- und Zivilisationstheorie zeichnet Frau Hahn ihre Herkunft als rückständig und barbarisch. Da ist das Essen nicht mit Messer und Gabel, da ist die körperliche Gewalt , da ist der Dreck überall, der Alkoholismus, die Unfreundlichkeit, das Unverständnis, eine zugebretterte Welt mit vielen Tabus. Auf der anderen Seite aber die Welt der Freundin aus der Mittelschicht mit dem guten Benehmen, Verständnis, Toleranz und Freundlichkeit, Schönheit, Geschmack. Und dazwischen die Heldin der Geschichte, die hochbegabt und einem natürlichem Instinkt für Kultur durch Demütigungen und Beschämungen durchgeht, um endlich mit Hilfe von Literatur, Bildung und Schule ihr Milieu hinter sich zu lassen.
Und landet dann bei einem Mann wie Dohnanyi, landet in diesem bürgerlichen Zentrum moralischer Arroganz und Heuchelei, das sich der SPD zur Machterhaltung bedient. Irgendwas ist da wohl falsch gelaufen. Die Sentiments, Ressentiments und Gefühle – die in dem Vater wabern, in den Frauen ihr Unwesen treiben – sind nicht zum aufgeklärten Gedanken geworden, sind nicht durch das Fegefeuer des Diskurses gegangen, sondern im Narzissmus der Selbstbestätigung im sozialdemokratisch manipulierbaren Warenkonsum stecken geblieben: Fernseher, Kleider, Alkohol.
Zwar finden sich im Film Versuche diesen Vater zu verstehen, aber das begangene Unrecht verunmöglicht ein Verständnis. Es bleibt nur der Weg in die Sackgasse der Distinktion, der Hochkultur, der schönen Künste. Wir haben keinen Einblick in das Leben und Arbeitsleben des Vaters, angedeutet nur wird was von Streik usw. Es ist nicht erkennbar, dass sein Leben die Kehrseite der guten Geschäfte des Bürgertums ist, der Januskopf des freundlichen Händlers. Sein Verhalten in Konfliktsituationen orientiert sich an Entweder-Oder, Freund-Feind, Alles oder Nichts, bewegt von der Angst und Bedrohung der sozialen Existenz, steht im Gegensatz zum bürgerlichen Kaufmanns- und Kulturmilieu, in dem Konflikte durch Verständigung, nicht mit Gehorsamsforderungen, sondern Verhandlungen gelöst werden. Die Kinder stehen dort als Nachfolger und Mitarbeiter im Geschäft schon fest.
Nun gut, diese Geschichte ist vorbei. Ihre Generation stirbt langsam weg. Ihre Barbarei, Unglück, Gewalttätigkeit entfernt sich von der Gegenwart wie ein brodelnder Stern und genauso entfernen sich von uns ihre Energie und ihr innerstes Verlangen nach einer wirklich menschlichen Gesellschaft, in der die anfallenden Lasten gerecht verteilt werden.

16.3.08

MARX - 125.Todestag

Ein paar Offizielle durften im SWR-Funk über Marx diskutieren. Schreckliches Niveau. Einer, der immer meint, man könne Jesus auch nicht für die Inquisition verantwortlich machen. – Natürlich kann man das. Wer aber von der Bibel schon nichts versteht, wie soll der Marx verstehen?Marx entfaltet im „Kapital“ den Begriff des Kapitals nicht nur als ökonomischen Prozess, sondern gleichzeitig als eine zunehmende Verblendung über den wahren Charakter der Mehrwertproduktion. Der Warenfetisch verschleiert mit den ökonomischen Kategorien immer mehr den Ausbeutungs- und Herrschaftscharakter. Wie dieser Schleier zerreißen soll (Mt 27,51), ist bei Marx nur unzureichend entwickelt. Ja, die ökonomische Krise, - aber die haben und hatten wir ja schon in allen Varianten – und können nur hoffen, dass keine große kommt. Denn ohne die Vorstellung von einer neuen Gesellschaft führt die Krise nur zu wachsender Konkurrenz und Barbarei. Deren brutalste Form war die kommunistische Partei.

14.3.08

KOCHKUNST

Am Beispiel von Kochen und Essen lässt sich die gesellschaftliche Verlagerung von der Produktionsgesellschaft zur Distributions- und Konsumgesellschaft betrachten.
Kochen erfordert eine gewisse praktische Intelligenz. inzwischen geht diese Kunst anscheinend in breitem Ausmaße verloren und wird zu einer Angelegenheit von Spezialisten, Kochshows, Hobby in immer teureren Einbauküchen.
Die neue Esskultur ersetzt die biedere Handarbeit des Arbeiterhaushalts durch individuellen Geschmack mit vulgären (Currywurst) oder erlesenen Varianten („mediterrane“ etc.).
Das Geld wirkt als Zaubermittel, das die Arbeit überflüssig macht. An die Stelle von Arbeit mit den eigenen Händen tritt eine magische Beziehung zur Wirklichkeit, die über das Geld. Die Wirklichkeit als Konstruktion durch Handarbeit wird ersetzt durch Rituale des Gelderwerbs. Basis dafür sind Bildungsabschlüsse, ein gewisses Auftreten, Zertifikate, ist der Kauf magischer Produkte (Handy, Filme, Spiele, Bilder), Spekulationen an der Börse, „Geschäfte“, Markenartikel mit Aura und einem „Image“, das weit über Funktion und Realität eines Produktes hinausgeht. Das, was Marx auch mit „Warenfetisch“ gemeint hat.
Während die schulische Ausbildung immer toller wird, die Spezialisierung sich ausweitet, nimmt gleichzeitig praktische Intelligenz immer mehr ab.
Es ist nicht nur der Facharbeiter, der verschwindet, sondern es gehen gleichzeitig soziale Zusammenhänge im Fortschreiten der Individualisierung verloren. Mit der Abnahme der praktischen Fähigkeiten – sei es Haushalt, Reparatur, Garten, Produktion – schwindet die Autonomie der Menschen trotz des Wachsens der Individualisierung.
Autonomie bestand darin, die Gegenstände des Alltags tendenziell selber herstellen zu können - in einem ökonomischen Umgang mit diesen Dingen. Individualisierung dagegen bedeutet die individuelle Auswahl von Marktprodukten nach Lust und Laune vermittelt über das Geld, das man sich durch Einklinken in die Geldströme über Zertifikate, Positionen „erwirbt“. Ein Telefon ist noch begreifbar und potentiell nachbaubar, ein bisschen Strom und mechanische Teile, ein Handy dagegen ist geballte und nicht mehr nachvollziehbare Intelligenz. Man kann es nur noch erwerben. Selbst für die Arbeiter in der Handyproduktion bleibt der Kern nicht mehr verstehbar.
Eine Veränderung des Bildes von Wirklichkeit geht damit einher. An die Stelle eines konstruktiven Wirklichkeitsverständnis („Machbarkeit“) tritt das sich anpassende Denken, das nicht mehr die Welt aus Teilen zusammensetzt, sondern die Wirklichkeit so wie sie ist laufen lässt – das ist ja die neoliberale Illusion – und nur versucht, die vorhandenen Bewegungen und Ströme in die privaten Häfen fließen zu lassen.
Wie kann angesichts dieser neuen Art von Wirklichkeitskonstitution Autonomie, Sozialismus, Revolution aussehen? Kann man damit rechnen, dass die neokapitalistische Welt in eine Krise gerät? Bis jetzt wird die Bankenfinanzkrise ja recht elegant gemanagt. Aber ist eine solche Krise überhaupt wünschenswert angesichts der Verkommenheit der Linken, die über keinen Begriff von freier Produktion verfügt? Deren Denken bestenfalls ordoliberal ist, keynesianisch?

Habermas hat in seinen Schriften um 68 den Primat von gesellschaftlicher Interaktion und Politik gegenüber Arbeit und Technik betont. Alle Linken haben ihn damals mit Recht des Revisionismus geziehen, ohne freilich Alternativen dazu entwerfen zu können. Letztlich sind die linken Modelle, ML oder Sponti, im Großen und Ganzen doch auf politische Konfigurationen fixiert geblieben. Die wenigen praktischen Versuche wie etwa LIP in Besançon waren ohne allgemeine Bedeutung. Der Abgrund zwischen produktionsorientierter und an der Verteilung orientierten Politik wurde nicht aufgearbeitet. Inzwischen hat sich die Produktion durch Auslagerung und intelligente Mechanisierung vollständig verändert. Die distributionszentrierte Sicht macht Arbeit, Arbeiter und die Produkte zum Teil von Geld- und Warenströmen und setzt diese Sicht durch. (Man kann das derzeit gut an der Rentendiskussion studieren). Die materielle Seite der Produktion ist zwar nicht unproblematisch – Arbeitslosigkeit, Rohstoffprobleme, Naturzerstörung – aber ihre Bedeutung ist im Hinblick auf ihren Tauschwertcharakter nur noch relativ.

Angesichts des Siegeszugs des Warenfetischs und der gleichzeitigen Lächerlichkeit von linken Produktionsutopien stellen sich Fragen nach gesellschaftlicher Gerechtigkeit, nach einer Moral, nach der Entwicklung des gesellschaftlichen Ganzen. Sie werden aber, da auf die Basis der individuellen Ohnmacht und Isoliertheit fixiert, nur der Beliebigkeit und der Faktizität der Vormacht und des Vorrechts überlassen. Mit der Aufgabe des autonomen Produzenten und der freien Assoziation der Produzenten wird auch der Begriff von Recht aufgegeben. Das war sogar Hermann Heller, dem Theoretiker der sozialdemokratischen Staatslehre (Sozialstaat plus Wirtschaftsdemokratie), klar. Deswegen hat er den Rechts- und Sozialstaat an die Idee einer Wirtschaftsdemokratie gebunden. Aber das war nur angedacht. Die daraus erfolgte Montanmitbestimmung – ohnehin nur in den Händen der Eliten – war nur eine misslungene Form der Produzentendemokratie. Der Gegner Hellers C. Schmitt hat sich mit der Macht des Vorrechts der herrschenden Klassen wieder durchgesetzt.

Die Produzentendemokratie war eine Art, die Wirklichkeit zu begreifen und zu beurteilen. Sie gab den Maßstab für Recht und Unrecht, Mehrwert und Ausbeutung, produktiv und unproduktiv. In der Gesellschaft, in der die „Teilhabe“ über die Distribution erfolgt, gelten ganz neue Kriterien. Einwenden ließe sich, dass auch hier die Produktion noch „Basis“ wäre. Aber es ist eine „Basis“, die ihren materiellen Charakter verliert: importierte Produkte, Arbeitsemigranten, Ölökonomie. Vorwiegend wird das „Sozialprodukt“ – einen Begriff, den man nur satirisch verwenden kann – verteilt über Staatsausgaben, Zinsen, Gewinne und erst am Ende in einem kleinen Anteil von Löhnen aus der Mehrwertproduktion.

Soll man als Linker, wo sich die Möglichkeit einer autonomen Produzentengesellschaft immer mehr von ihrer Realisierbarkeit entfernt, das Denken aufhören, die Kritik einstellen, die Utopie vergessen, das Projekt Geschichte als beendet ansehen? Oder soll man sich darauf kaprizieren, an den Ereignissen immer wieder die Sinnlosigkeit ihres Fortschritts nachzuweisen, da doch solche „Dinge“ wie Autonomie, Verantwortung, Gerechtigkeit, Gemeinschaft, Zusammenleben, Versöhnung schon längst auf dem Müllhaufen der Romantik gelandet sind, weil es sich um nicht käufliche Dinge handelt? „Sozialromantik“.


2.3.08

LITTELL

Nachdem, was zuerst über Littells Buch berichtet wurde, spürte ich Abwehr dagegen, Verdacht auf die französische Neobürgerlichkeit, Bedienung der Ressentiments gegen den Boche. Auch halte ich es nicht für möglich, authentisch vom Gesichtspunkt eines anderen zu schreiben.
Beim Lesen dieser ersten 120 Seiten bin ich dann still geworden. Zuerst sind es viele dicke Sätze – man schluckt sie – dann werde ich in das Subjekt des Romans hineingestoßen: Selbstmordfantasien, jemand ist ehrlich, will die Wahrheit, will nicht verleugnen. Man nimmt ihm die Bekenntnisse, die Gefühle ab – Nichtigkeit, Ekel, Erbrechen. Gleichzeitig wird klar, dass es einen solchen SSler nicht gibt. Diese Leute hätten sich nur herausgeredet, hätten die Verantwortung abgelehnt, hätten sich als sauber, harmlos oder wenigstens banal dargestellt. Wer steckt also hinter diesem erzählenden Subjekt? Man erinnert sich an die existenzialistische Literatur; „Ekel“, „Die Fliegen“. - Ich meine: das Subjekt sind wir. Wir die Nachgeborenen, die, die überlebt haben. Was passiert ist, stellt jede positive Zukunft in Frage. Die Gerechtigkeit würde ein Ende der menschlichen Geschichte verlangen.
Dem Autor ist das wohl nicht klar. Denn sonst hätte er das nicht schreiben können. Er hat sich auf ein Spiel eingelassen und weiß vielleicht nicht, wie ernst es ist. Zumindest verraten seine Interviews nicht viel davon. Angesichts des Bösen wird das eigene Böse zum Guten.
Also doch eine Lüge? Wir werden mit der Fragilität von Moral und gutem Selbst konfrontiert. Wir hätten an die Stelle von Aue geraten können, bzw. er ist uns nicht mehr so fern.
Da sind Bildungsfetzen, irgendwelche zerstückelte Bildungstrümmer, Phrasen, Worte. Was als "humanistisch“ läuft, eine Vorform der
Barbarei. Der zentrale Punkt der griechischen Tragödie, ihr Ziel, aber war die Katharsis. Ist die noch möglich?
Jedenfalls ist „geistvoll“ oder „kultiviert“ mehr als mit Zitaten zu spielen.

Dann die Sendung in Arte. Von Großereignis ist die Rede. Stolz präsentieren sich Beteiligte. Schirrmacher, der wohl ehrlich meint, so oder irgendwie ließe sich Vergangenheit bewältigen. Dazu passt, dass der Autor die Ursache des Bösen im Staat sieht, wie Hilberg in der Bürokratie usw., im Totalitarismus. Die Beteiligten sind nur durch ein zufälliges Schicksal Verstrickte. Das ist die Lüge.
Sie besteht in der Ausschaltung des Subjekts, die im Roman vollzogen wird – ein Trick dazu ist die Homosexualität des Berichtenden. Natürlich sind die begangenen Taten Folge von für den „normalen“ Menschen wesensfremden Motiven, „ichfremd“. Aber gerade deswegen kommt der „Roman“ uns auch so nahe – weil er diese für uns fremden Motive in uns selbst anspricht. Wir sind ja auf demselben Mist wie unsere Väter gewachsen.
Aber die Bürokratie, der Staatsterror hat eine subjektive und individuelle Seite. Solange sie strukturalistisch entfremdet bleibt, oder Verantwortung negiert wird wie bei der Nazigeneration, wird diese Seite nicht adäquat bewusst. Es bleibt bei Ausreden und potentiellem Wiederholungszwang. Die Ohnmacht schafft die Allmacht.

Die Identifikation des Lesers erfolgt paradoxerweise über die Homosexualität des Roman-Ichs: „Es interessiert mich, aber es bin nicht ich“. Sie führt den Roman zu verschiedenen Aspekten. Als Homosexueller ist er außerhalb der Gesellschaft, es gibt keine Bindungen an andere Menschen. Das ist ein übles Klischee, aber es funktioniert. Dieser Status ermöglicht dem Berichtenden die Wahrheit ungeschminkt zu sagen. Durch seine Homosexualität gerät er schließlich wider Willen in den verbrecherischen Sicherheitsdienst. Darüber hinaus lässt sich durch die Homosexualität des Berichtenden die Komplexität menschlicher Beziehungen auf Männerbeziehungen und Gewalt reduzieren. Der Homosexuelle, zur ständigen Tarnung gezwungen, führt ein Innenleben, das dem Roman die Form gibt und Identifikation erzwingt. Endlich bietet – wieder ungerecht - die Homosexualität dem Roman das männliche Material zur Verfügung: Sperma, Blut, Scheiße, Gestank, Leichen. Wie überhaupt männliches Denken sich äußert in den Zahlen und Berechnungen, Beschreibung von Maschinen und Maschinerien, bürokratischen Apparaten.
Apropos Maschine: Schuld wird von Aue abgestritten und erdrückt ihn doch als Gefühl, kehrt als Sehnsucht nach dem schuldlosen Urzustand negativ wieder, als ein verstecktes Verlangen nach Jungfräulichkeit in der Spitzenfabrik, mit deren Produkte Brautkleider dekoriert werden.
Interessant wäre, ob der männliche Blick gesprengt wird, ob das Andere (Geschlecht) auftaucht. Aber ich werde das Buch nicht weiterlesen. Es fehlt mir die Perspektive der Wende, der Revolution – Umkehr -, die Katharsis, die Versöhnung. Bücher dieser Art bringen Publikum und Retter nur in Wartestellung für das nächste Auschwitz. Man gewöhnt sich daran. Es führt nicht darüber hinaus. Er missbraucht die Geschichte für eine coole Attitüde, die Konstruktion der eigenen Güte angesichts des Bösen.

Die bisher einzig authentische Annäherung an den Judenmord bleibt „Shoa“ von Lanzmann.

27.2.08

FRAUENJOBS

Diese Woche muss ich stundenweise bei den Frauen arbeiten, werde hin- und hergeschoben. Die meisten aus dem Osten kommend sind Kommandieren gewohnt. Spielt vielleicht auch eine Rolle meine schlechten Beziehungen zu Kollegen. Ich mit Mp3Player auf den Ohren - Kafkas Prozess und eine Adoptionsstory – gebe mich sozial nicht gerade sehr interessiert. Nach 1 ¾ Stunden ziehe ich ab, als ich mal wieder woanders hingeschickt werde, zum Glück gibt es dann für mich wieder grobe Männerarbeit. Die Frauen mögen es gerne genau und akkurat, penibel und pedantisch. Mich interessiert nur der Sinn der Sache, eine Falte mehr oder weniger schadet nicht. Da ich nur alle 4 Wochen diesen Job machen muss, kapier ich ohnehin nicht viel davon, wie es korrekt getan werden sollte. Ich habe die Vermutung, der Chef will uns Männer mit dieser Arbeit nur schikanieren, zeigen, wie er uns degradieren kann. Sind zwei Junggesellinnen darunter, schwer erträgliche Besen, Goldzähne im Mund. Ich hatte immer schon viel Respekt vor diesen Kalibern. Mit wenigen Kommandotönen sind sie in der Lage, einem jegliches Selbstbewusstsein zu nehmen, mühsam erworben durch Hetze, harte Arbeit und antrainierte Geschicklichkeit.
Heute bin ich mit einer Art Gebet zur Arbeit: Ich nehme alles an, wie es kommt und werde versuche, das Beste daraus zu machen. Früher hieß es: „Herr, Dein Wille geschehe.“ Ein Christ würde mir sagen, dass mir die Damen Bescheidenheit lehren und ich dankbar für diese Lehre sein soll. Mir gefällt da mehr Don Juans Matus Lehre von den kleinen Tyrannen. Aber im Ernst: Ich zähle die verbleibenden Tage, ducke mich, versuche die Herausforderungen anzunehmen. Zu lernen gibt es da nicht mehr viel.

Diesen Typen fehlt das Bedürfnis zu kommunizieren, zu teilen, weiterzugeben. Es geht um Macht und Machterlebnisse. Das macht sie gleichzeitig so dümmlich. Sie fühlen sich toll, es fehlt ihnen eine gewisse Bedürftigkeit, das Gefühl von Schwäche, das sie aufmerksam und neugierig macht für andere. (Ich assoziiere das mit dem
Ost-Typus, aber man kann es ja auch und vornehmlich bei deutschen Handwerkern finden.)
Was sind die Bedingungen, wie Menschen miteinander verträglich umgehen? Wie lernt man das?

21.2.08

BEREICHERUNG

Zwei Sachen verfolge ich derzeit: die Sarrazindebatte und die Zumwinkelsache. In beiden kann man beobachten, wie die individuelle Unvernunft und Bereicherung zum gesellschaftlich ausweglosen Prinzip geworden sind.
Was will man schon an Zumwinkel kritisieren: er sorgt für Profit und gute Börse, setzt das auch in seinem Privaten fort, wenn er Steuern abzweigt. Das Gleiche macht die Sozialarbeiterlinke, wenn sie zu Geldverschwendung und Bereicherung auf Kosten von Natur und Weltbevölkerung aufruft. Man sieht auch, hört man solche Leute wie Gysi und Schreiner – Leute, auf die man auf Grund von Alternativlosigkeit seine letzten Hoffnungen setzt – dass sie sich genauso blöde verhalten wie die herrschenden Großkonsumenten.
Interessant auch wie viele linke Blogs, die hier ihr Innerstes herauskehren, die übliche stupide asoziale Bürgerlichkeit zeigen. Schön, dass es getoppt wird von Bruder Broder. Hier ist die Kausalität von Intelligenzmangel und politischem Zynismus leicht erkennbar. Ich stehe allein, wie ich sehe, auf der anderen Seite, und fühle mich nicht mehr einsam.
Die Kritik an der Bereicherung ist lächerlich, ist sie doch hier allgemeines und lebensnotwendiges Prinzip. Die unten würden das genauso machen, wenn sie die Möglichkeiten hätten. Es gibt keinen Anlass zur Hoffnung auf etwas Anderes. Fordern die Gewerkschaften seit Neuestem Betriebsdemokratie, umweltgerechtes Verhalten? Gibt es endlich eine Abkehr von den Prozentforderungen?
Da gibt es eine interessante Idee einer
CO2-Kreditkarte auf der Basis von sozial gerechtfertigten Verschmutzungsrechten von 2 to CO2 je Mensch. - Man lese die Diskussion darüber: Das ist Deutschland. (Mit Ausnahme eines Gerechten).
Manchmal scheint mir das irre Verhalten von Vietnamveteranen, sich in die Wälder zurückziehen, die einzige Alternative.

15.2.08

GÖTZ ALY – DENUNZIANT

Es Ist mir nie ganz klar geworden, wie der stalinistische Terror funktioniert hat. Stalin kann doch nicht alle gekannt haben, die er in den Gulag gebracht hat. Es lässt sich nur denken, dass irgendwelche Beamte, vielleicht in der Staatsanwaltschaft, der Polizei, auf Grund von wechselnden Merkmalen des Abweichlertums, der „Volksschädlichkeit“ usw. Leute denunziert haben und dann verhaften ließen. Vielleicht gab es hinter diesen Beamten Ideengeber, die die Merkmale möglicher Opponenten identifiziert haben. - Oder es war ganz anders und die jeweils Herrschenden in irgendwelchen Komitees haben ihre Opponenten oder mögliche Rivalen als Klassenfeinde denunziert.
Also ich habe den Eindruck, wenn ich etwa die Berichte von Buber-Neumann und anderer Opfer des Stalinismus lese, dass der Weg von der Schuldkonstruktion, der Denunziation zur „Säuberung“ weitgehend unerforschter ist. Oder wenn erforscht, dann im Publikum - zu dem ich mich zähle – nicht angekommen.
Wie auch immer. Es lässt sich ja am lebenden Objekt studieren. Da ist die Arbeit von Aly über die 68er, die seiner These nach parallel zu der Machtergreifung Hitlers 33 ist.
Aly aus guter Familie stammend, bis 76 in der maoistischen Roten Hilfe. Es passt zu der selbstbewussten und arroganten Art eines Naziabkömmlings, jetzt seine maoistische Vergangenheit dadurch zu bewältigen, dass er sie anderen vorwirft.
Ein Teil läuft über die Selbstanzeige, Selbstbezichtigung, ein anderer über die Denunziation. Bei Stalin war es die Folter, heute ist es die Folter der Bedeutungslosigkeit und Irrelevanz..

Waren die 68er Maoisten und Stalinisten? Für Aly in seiner Selbstüberschätzung waren natürlich die Maoisten der Kern von 68. Mag sein, dass das in Berlin so war. Andernorts waren Maoisten nur Sekten, die durch ihre dümmliche Gewaltsamkeit, ihre faschistoide Gleichförmigkeit aufgefallen sind. In einer Basisgruppe versuchte uns ein Maoist mit Stalinbart und Bronsongesicht mit „Lohn, Preis und Profit“, auch Stalintexten auf die richtige Linie zu bringen. Wir rangen ihm die Durcharbeitung der „Deutschen Ideologie“ ab, dann Habermasens „Logik der Sozialwissenschaft“, Holzkamps Konstruktivismus. Irgendwann wurde es ihm zuviel, sein Adjutant im Indianermantel verschwand schon vorher – in der Drogenszene.
Was die Maoisten in Berlin, Rotzeg, Rotzpäd usw. produzierten, war unerträglich. Mir hat dieser Schwachsinn für ein halbes Jahr die Sprache verschlagen. Mit Marxstudium war dann ein Kontra möglich. Es hat auch ein wenig in die Realität geführt. Gegen den linken Autoritarismus haben sich viele Positionen gebildet: die Hausbesetzer, die Spontiszene, das SB, DritteWeltGruppen, Selbsterfahrungsgruppen, in Berlin dann endlich „Die soziale Revolution ist keine Parteisache“. Wäre interessant zu wissen, wo sich Aly da bewegt hat. Wie hat er sich damals sein Geld verdient?
Wir Linken waren Ausgestoßene und haben diese Erfahrung auch bei anderen reproduziert. Deswegen diese Konkurrenz der Radikalität. Wir haben das Schuldbewusstsein von unserer Eltern übernommen und es dadurch zu bewältigen versucht, dass wir uns mit ihren Gegnern identifiziert haben.
Natürlich habe ich mit meinen Eltern gestritten. Diskussionen endeten in der Regel damit, dass man sich gegenseitig zum Faschisten deklarierte. So clever war man damals also auch schon. Eines Tages bin ich zu meinem Vater gefahren und es erschien mir sinnlos, ihm eine falsche Haltung vorzuwerfen, wo die Umgebung einfach keine andere zuließ. Ich begann seine Sicht zu reflektieren, auch wenn es moralisch nicht korrekt war. – Ich hörte auf, Vorwürfe zu machen, zu unterstellen. Dann begann er von sich aus zu erzählen, dass er mit 14 oder 16 in der HJ war.

BLICK AUS DEM FENSTER



Ich schaue aus dem Fenster, wo ich arbeite. Es ist keine Arbeit mehr da. In einer halben Stunde ist Schluss. Rundherum Mauern, geschlossene Fenster, kaum ein Mensch. Dann das Denkmal für die 700 Toten, die die Maschinerie zermahlen hat. Ich brauche das nicht zu befürchten, bin auf der sicheren Seite. Man hat sie abgeholt. Sie ahnten vielleicht, wo es hingeht. Heute sind sie zum Gedenkgut geworden, ohne Gesichter, nur eine graue Maschine, keine Namen. Vielleicht will mir das Denkmal sagen, es ist es besser, dass man ganz vergessen wird. - Beton, Steine sind „in“.
Aber was ich sehe, ist eine Lüge, es ist nichtssagend.
Da ist etwas Unerledigtes für die Überlebenden, ein Strudel, der nachzieht. Jeder Sonnenuntergang mehr macht die Entfernung zu jenem Ereignis größer und damit die Möglichkeit einzugreifen, überhaupt zu begreifen. Man steht so dumm und blöde da, wie damals manche Leute - das waren noch die Besten - dagestanden sind. Hat Angst, einzugreifen, alles anzuhalten. Nur eine Wut auf die Mächtigen.
Im Feuilleton macht ein Maoist und Nazisohn Furore, der 68 mit 33 gleichsetzt. Es wird reproduziert. Das Bürgertum atmet auf. Das wusste es schon immer. Aber schön, dass es gesagt wurde.

13.2.08

KRÖNIG NACH AFGHANISTAN

Die Achse des Guten hat sich schon ziemlich weit in den Deutschlandfunk hineingefressen. Neuester Auswurf ein Plädoyer von Krönig für den deutschen Einsatz in Afghanistan. Krönig lebt in England, dort gehört das Killen zur Jugendkultur, die Welle brandet zurück aus Afghanistan ins Heimatland in Alkoholismus und Jugendverwahrlosung. Menschen, die ihre Jugend mit Töten verbracht haben, sind nicht mehr gesellschaftsfähig. Dasselbe konnte man hier bei Türken beobachten, die im Kurdenkrieg waren. In Amerika hohe Selbstmordraten, Scheidungen und wohl noch einiges mehr. Ist von Toten die Rede, nur von westlichen. In Afghanistan sind 78 Kanadier gestorben, wie viele sie getötet haben, wird uns nicht verraten. Man zählt die Afghanen nicht so genau.
Warum aber sind unsere politischen „Denker“, besser: Formelgeber, nicht „populistisch“ und fordern – 86% Zustimmung im Rücken – den Ausstieg aus Afghanistan. Ich denke über Gründe nach:
1.) Diese Schicht ist gewaltgeil. Sonst wäre sie ja nicht oben. Ohne den Willen zu unterdrücken, wenn sein muss, zu töten, kann man keine bürgerliche Politik betreiben. Es ist einfach immanent. – Das klingt aber doch etwas zu stark. Nicht? Ich verweise auf einen
früheren Eintrag über den Zusammenhang von militärischem Grad und politischer Stellung.
2.) Die „Westorientierung“ (nur West, nicht Ost? - also allgemein - das sich an den Starken Orientieren, seien sie Russen oder Amis). Deutschland ist in die Nato eingebunden und verpflichtet, will sie sich weiterhin „beschützen“ lassen, Gegenleistungen zu bringen. Wer bedroht uns, oder könnte uns bedrohen? – Klar: die ehemaligen Alliierten. Warum wird dieses Argument nicht öffentlich vorgebracht?
3.) Amerika ist von Al Kaida bedroht. In seiner rassistischen und menschenfeindlichen Brutalität ist Al Kaida ja das Böse schlechthin. Wenn wir sie töten, dann mit Grund. Schon die Tatsache, dass wir X-mal mehr töten als sie, beweist, dass wir mehr Recht haben. Die Tatsache, dass sie massenhaft auftreten und massenhaft getötet werden, beweist ihre Minderwertigkeit. Jedes Jahr, so Krönig, mutieren 500 000 afghanische „Buben“ (Krönig) potentiell zu Taliban. Darüber, wie Amerika in der Welt auftritt und sich seine Vorteile sichert - auch für „uns“ holen sie ja das Öl raus - müssen wir uns keine Gedanken machen. Wir sind ja Demokraten, wenn auch nur „kurzatmige Mediendemokratien“ (Krönig) und brauchen das Öl, die Rohstoffe und das Geld – nötiger als der Rest der Welt. Wir können uns Armut nicht leisten.
4.) Was das Volk denkt oder will, was soll´s. Wir wissen ja, es ist faul und bequem, eben „postheroisch“(Krönig). Auch die britischen Eliten machen ihre Politik gegen eine Volksopposition von 62%. Noch mehr wie man sich seine Vorteile gegenüber dem Muslim sichert, sollen wir von den Israelis lernen,

Warum ziehen die Damen und Herren der Achse des Guten nicht selber nach Afghanistan, wenn es sie so sehr drängt? Es gibt da sicher eine Privatarmee a là Blackwater, die sich um solche Heroen drängt. Warum zieht die Schrumpf- und Rumpf-SPD der
Berliner Republik nicht gleich mit. - Zurück ins „Vaterland“ freilich nur nach der Gerichtsverhandlung über Mord und Mordkomplott.

12.2.08

GRENZEN DER MORALISIERENDEN KRITIK

Meine Kritik hier ist vorwiegend eine moralische, will sich an Gerechtigkeit, Gleichheit orientieren, für die wir Opfer zu bringen haben, uns selbst beschränken sollen, einen egoistischen Standpunkt aufgeben sollten zugunsten eines allgemeinen. Und dergleichen mehr.
Mit moralisch ist also gemeint eine individuelle Entscheidung mit der Betonung des Allgemeinen.
Eine solche Kritik konstruiert immer gleich so etwas wie Schuldbewusstsein, Verantwortung – mit dem Wissen um die Konsequenzen eigenen Verhaltens werden wir ja unmittelbar verantwortlich, schuldig, sündig oder gerecht. Das ist die Konsequenz des Apfels im Paradies - der Freude an der Erkenntnis. Die Intellektuellen sind die Schlangen, die diesen Apfel rüberreichen. Frei nach Mathäus 10,16.
Nun kratzt eine solche Kritik immer nur an der Oberfläche. Wir wissen ja seit Freud und Fechner, dass nur ein Siebtel von uns über das Bewusstsein, das Ich, überhaupt erreichbar ist.
Also: wenn die Menschen im Kapitalismus sich so oder so verhalten, etwa konsumistisch, idiotisch, gute Geschäfte machen wollen, sich ihre Nischen suchen, Innovationen einbringen, Spenden verteilen, dann sind sie ja so gefangen in dem Verwertungsgefängnis, sich auf Teufel komm raus als Individuen reproduzieren zu müssen – wie soll man es ihnen vorwerfen? Wenn sie sich ohnmächtig fühlen - das ist realistisch – und deswegen [„auf mich kommt es ohnehin nicht an“, „was hab ich schon zu sagen“] die moralische Frage erst gar nicht stellen oder sie in einer billigen Weise beantworten [„linke Besserwisser“, „Sektierer“, „moralisierend“, „Es kommt auf jeden Einzelnen drauf an“] – wie soll man es ihnen verdenken?
Beim Besuch eines Paares aus den Bereichen Unternehmensberatung und Sozialmanagement stelle ich fest, wie ihr Mind eigentlich offen ist, wie sie meine Kritik [„Produktionsverhältnisse ändern …“] mit der ihren zu vereinbaren suchen, wie sie sich in eine gute Sache eingelassen haben - freilich ohne die Zusammenhänge zu sehen, in denen sie bedingt durch Ökonomie und Herkunft, drinstecken. Wie sie die Übernahme meines Stanpunkts nur arm machen würde und sie ihre Existenz verlieren würden.

Aber ist da noch Gutes drin in der Weiterentwicklung des Kapitalismus? Wird er am Ende doch nicht an einem guten Ende ankommen? Ist nicht die Befriedigung der biologischen Bedürfnisse schon weit fortgeschritten? Und könnte man sich nicht denken, dass so die andere und bis jetzt vernachlässigte Dimension des Sozialen, der Verständigung, Kommunikation, des Verständnisses bis hin zur Empathie mittels Einfühlung, Literatur, Kunst, sozialer Erfahrung und Reflexion eigener Gefühlslagen, dass das auch so fortschreitet - man denke nur an die neuen Marketingmethoden, in denen sich auch etwa ein Linker wie
Peter Brückner engagiert hat – dass also diese neuen Sozialtechnologien, Managementmethoden zu einem neuen menschlichen Sozialismus führen, wenn erst mal das Ökonomische konsequenterweise politisiert und dann sozialisiert wird????

Oder geht alles nur in Richtung EGOKULTUR? Einem Fest der Individualisierung? Einem Wettbewerb der Schönheiten? Der Reichen und Hübschen, wo man wie jetzt bei der Berlinale bewundernd daneben stehen darf, 600 € für das Büffet? Fallen da nicht auch ein paar Brosamen ab für uns, Ideen, wie wir uns hübsch machen können, wie man nett lächelt, schön singt. Haben wir da nicht was aufzuholen?

11.2.08

HUNGER

„Skandal“ schreit die Sozialarbeiterlinke. „Berliner Links-Senat empfiehlt Unterernährung“ Th. Sarrazin, Sparmeister in Berlin und unbekannter Schichtherkunft, bringt einen Speiseplan, nach dem sich für 4,25 € am Tag leben lässt.
Ich rechne nach: ca. 2100 kcal am Tag, nicht 1800 kcal wie bei indymedia behauptet. Würden mehr Kalorien reingerechnet - finanziell kein Problem - käme die Klage, Sarrazin wollte die HartzVierler verfetten.
In unserem Haushalt kommen wir problemlos mit einem Betrag weit unter den 4,25 € je Person aus. Wir essen zweimal in der Woche Fleisch, zweimal Fisch. Wegen der Haltung essen wir kein Schweinefleisch, kein Geflügel. Aus dem Kleingarten haben wir biologisches Gemüse und Obst. Wir kochen natürlich selber, backen das Brot und natürlich gibt es auch Kuchen. Ich bin bei der Arbeit mittelschwer belastet, fahre Rad, jogge pro Woche 60 km und leide weder an Auszehrung noch an Mangelerscheinungen.

Würden diese Antifakinder der Mittelschicht sich Gedanken machen, wie man das Konsumniveau allgemein senken könnte, sei es aus Gesundheits- oder ökologischen Gründen, sei es zur Erreichung von Weltgerechtigkeit, - dann könnten wir uns verständigen. Aber es geht ihnen ja nur um ihr Privileg, aus einem Warenkorb Geschenke zu verteilen, für den sie andere arbeiten und bezahlen lassen.

Etwas anderes ist der Versuch, auf HartzVierler durch finanzielle Kürzungen Zwang auszuüben, irgendeine Arbeit azunehmen. Bei Sarrazin denke ich nicht, dass er sich kritisch zu den kapitalistischen Kapitalverwertungszwängen verhält. Aber die Kritik daran ist etwas anderes als das Sozialgejammer.
Für Heranwachsende ist HartzIV zu niedrig, nicht nur was Essen, vor allem was Bildungskosten angeht. Die wären aber nicht sinnvoll als individuelle Zahlung, sondern als staatliche Leistung für die Teilnahme an Sport, Arbeitsgemeinschaften, Clubs, Musik usw.

9.2.08

LINKSRUTSCH

„Der" Wähler orientiert sich neu. Die Mehrheiten ändern sich, der Trend geht nach links. Journalisten packen alte Sätze aus. Man darf wieder über Ungerechtigkeit reden. Manchen kommt es so ungelegen, dass sie nicht mehr durchblicken. (Schöne Fehlmeldung im Männermagazin, statt +2 gewünschte -2. Der Schock macht eine Korrektur unmöglich.)
Zunächst bedeutet der Zuwachs der Linken eine Themenveränderung bei den anderen Parteien: Ungerechtigkeit statt dummem Antikommunismus und sozialer Ausgrenzung. Die SPD beginnt wach zu werden, kommt mit linken Sprüchen. Gleichzeitig behandelt Ypsilanti die Linke als Schmuddelkind.
Was würde sich durch eine Regierungsbeteiligung der Linken aber verändern?
Inhaltlich kaum was (siehe Berlin, wo die Linke die Schulden der CDU abarbeitet). Ein paar linke Leute oben, linkes Blabla, Fähnchen setzen in Hundehaufen.
Gäbe es vielleicht einen „Wind of Change“? Linke Themen kommen in die Diskussion, es findet eine Politisierung von entpolitisierten Bereichen statt. Also was Einkommen, Bildung, Konsumverhalten angeht.
Ich bin skeptisch.
Was bedeutet die Artikulation von „Ungerechtigkeit“? Ich will x % mehr verdienen, die anderen verdienen zuviel? Alle sollen so ein bisschen verdienen wie die Manager? Deutsche Exportweltmeister für immer? Überhaupt Weltmeister in irgendwas oder allem?
Ich denke, die Gesellschaft ist schon so „differenziert“, in eine Vielzahl von Egoismen zerfallen [Arbeiter“klasse“ nur Teil davon], dass eine linke Politik - „Solidarität“ - nur eine Basis in der Propaganda, aber nicht im praktischen Verhalten hat.

Ein Kommentar sagt:
Du hast einen vollkommen falschen romantischen Ansatz. Du träumst von einer idealen solidarischen gleichen Welt. Aber die Zeit der Bauern, wo die Unterschiede nicht groß – wenn auch subjektiv bedeutsam – waren, wo jeder mehr oder weniger das Gleiche gemacht hat: Kühe melken, ausmisten, Futter holen usw., diese Zeiten sind historisch obsolet.
Warum gehst Du stattdessen nicht von der Realität heute aus: Jeder ist durch die gewachsene Arbeitsteilung in Irgendwas spezialisiert. Du träumst immer noch vom Universalismus, deswegen arbeitest Du auch auf Hilfsarbeiterniveau. - Diese Zeiten sind vorbei. Das Ganze funktioniert nur noch auf einem hohen technologischen Niveau. Das ist die berühmte Basis, das sind die „materiellen Verhältnisse“, von denen Marx gesprochen hat. Es hat keinen Sinn, zu einer vorintelligenten Produktionsform zurückzubewegen. Sei realistisch.
Es würde bedeuten, dass jeder in seiner Spezialisiertheit zu einem gesellschaftlichen Ganzen beiträgt: der Techniker, der Pädagoge, der Künstler, der Finanzierungsexperte, der Unterhalter, der Kritiker und am Ende der Politiker.

Meine Antwort:
Die Frage ist, wie sich das Einzelwissen von Fachleuten zu einem sinnvollen Ganzen, genannt auch „Allgemeinwohl“, fügt. Ob über die Konkurrenz oder Hierarchie der Experten - oder über die Politisierung des Experten. Das hieße, dass er die Auswirkungen seiner Techniken reflektieren müsste, sich die Frage stellen lassen müsste, was es zur Erreichung gesellschaftlicher Werte wie Gleichheit, Umwelt, Gerechtigkeit, Menschenwürde beiträgt. Ich will also auf die gegebene Intelligenz nicht verzichten, sondern sie ausweiten und herausfordern, „politisieren“.


Ein eingedeutschter Kollege, von Bild und Lokalzeitung unterrichtet, findet Lafontaine „gefährlich“. Meint wohl seinen „Populismus“, vielleicht seine oft ausgebeutete Rede vom „Fremdarbeiter“. Ich bin sauer über soviel dummen Opportunismus und beschließe wütend, ihn von jetzt ab einfach zu ignorieren. Obwohl ich seine vorkapitalistische ruhige Art mag, - die Art, wie er die Zeit vergessen kann, manchmal hasse, manchmal bewundere. Auch die Arroganz bewundere, mit der er im Kopf anderswo beheimatet, uns arme, gehetzte deutsche Schweine bemitleidet.

2.2.08

Schlagen

Ist die Tabuisierung des Schlagens bürgerlich?

Zu den bürgerlich liberalen Umgangsformen gehört die Tabuisierung des Schlagens. Ich wurde geschlagen – in meinem Milieu, meiner Klasse war das zu jener Zeit nicht unüblich – und habe geschlagen. Mir stellt sich die Frage, ob diese bürgerlich-liberale Tabuisierung der Gewalt nichts anderes als ein Mittel ist, um - begünstigt durch reichliches Einkommen und freundliche Umwelt – jene noch mehr zu diskriminieren, die unter gesellschaftlichem Druck, Erfahrung von Benachteiligung, von eigener Schwäche und Verletzbarkeit zum Schlagen als Ordnungsmittel greifen?


Ist körperliche Gewalt proletarisch?

Es gibt eine falsche Verherrlichung körperlicher Gewalt innerhalb der radikalen Linken, der Abfuhr der Affekte von erlittener Ohnmacht in Krawalldemos etwa, oder in der Ikone vom starken und auch handgreiflichen Proletarier. – Gewalt hat eine Tendenz zur grenzenlosen Ausweitung. Aber es ist zu leicht und billig jede körperliche Gewalt mit ihren großen historischen Explosionen im Völkermord gleichzusetzen. Wer in jedem Schlag nur den Faschismus sieht, interpretiert bewusst falsch und trägt zur Verfeindung bei.


Sinn von Schlagen

In meinem Fall interpretiere ich die Schläge, die ich bekommen habe - es waren viele, von Eltern, Lehrer – als im Effekt Versuche, das weiterzugeben, was selber empfangen wurde, eine Art von negativer Erbschaft. Als Geschlagener erfahre ich so etwas über die Biografie der Schlagenden, ihre Gefühle und wie sie sich selbst empfunden haben. Jetzt wo sie tot sind und schaue ich auf ihr Leben, kann ich sie besser verstehen. Vielleicht auch, weil im Geschlagenen mit jedem Schlag Todeswünsche gegenüber dem Schlagenden erzeugt werden und dieser Todeswunsch mit seinem Tod befriedigt wurde und so sich das Verhältnis „entspannt“ hat.


Beim Schlagen, so meine Vermutung, wird auch etwas Inneres exterritorialisiert. Jemand wird weggestoßen, der etwas verdrängtes eigenes Inneres darstellt. Sei es ein eigener Affekt, eine eigene unterdrückte Handlung. Es gibt sicher Unterschiede zwischen einem affektiven Schlagen und einem Schlagen mit kühler Hand. In dem einen Fall ist das Böse gefühlsmäßig präsent und unmittelbar bedrohlich, aber die Zuschreibung des Bösen ist nicht fest und endgültig. Der Schlagende ist vom Bösen so affiziert, dass er auf das Böse spiegelbildlich - vielleicht „mimetisch“ - böse reagiert. Es ist gleichgültig, ob es eine Ideologie dafür gibt oder nicht – reine „Spontaneität“ gibt es ohnehin nicht. Im anderen Fall ist es personifiziert und kontrollierbar, bezieht sich entweder auf die Person oder auf ihre Taten. Hier wird dann von Vergeltung, Rache, Bestrafung, Buße usw. gesprochen. Nietzsche sieht in der Rache die Urform des Rechts; Gleiches wird mit Gleichem vergolten - eine Vorform der sozialen Gleichheit und Gerechtigkeit.


In der schlagenden Gesellschaft wird die Trennung der gesellschaftlichen Individuen untereinander zum bestimmenden Prinzip. Moralische und auch übrige Reinlichkeit sind oberste Werte, das Mitgefühl, die Identifikation und Empathie wird verweigert. Die Individuen erleben sich als voneinander unterschiedene und getrennte. Es gibt Böse und Gerechtfertigte. Der Schlagende sieht in dem anderen das Böse. Der Geschlagene sieht in sich das Böse, wie wiederum auch im Schlagenden das Böse. Trennung, Abstoßung, Ausstoßung, Unterdrückung, Absonderung, Strafen, Kontrollieren usw. sind die Modi einer schlagenden Gesellschaft. [Manchmal kommt es mir vor, dass der urteilende Verstand, der klassifiziert, in Begriffe ordnet, der die Dinge voneinander trennt und sie auseinander hält, definiert und voneinander abgrenzt, der Namen gibt, Identitäten und Unterschiede erzeugt, ein Teil dieses strafenden und schlagenden Gesellschaftssystems ist. Dabei ist die schlagende Geste die Vorform des urteilenden Verstandes.]


Die Wirkung des Schlagens ist eine Abgrenzung. Aber sie kann auch wieder eine Beziehung herstellen. Im traditionellen Recht in Zimbabwe etwa muss ein Toter durch die Einheirat einer Frau aus der Familie des Täters gesühnt werden. Deren erstes Kind gehört wieder zu der Familie der Frau. - Die jugendlichen Ausländer, die auf die deutschen Rentner einschlagen, stellen eine Verbindung zu jenen her, die sich von ihnen abgrenzen wollen. Sie gehen nicht indifferent aneinander vorbei, sondern stehen sich gegenüber.


Auch das begriffliche Denken, das zwischen den Dingen unterscheidet, bringt diese durch die Begriffe zueinander in einen Zusammenhang, in einen (flüchtigen) systematischen Zusammenhang. Jeder Begriff enthält sein Gegenteil in sich - alte dialektische Weisheit.


Die Dialektik des Schlagens

Aber nicht nur der Geschlagene ist ausgesondert. Auch der Schlagende hat sich schmutzig und schuldig gemacht. Es hängt an ihm wie der schlechte Ruf an dem Henker. Er nimmt eine Schuld auf sich, muss Rache, Distanzierung, Isolierung fürchten.

Schlagen ist einerseits eine „impulsive“ Regelung von sozialer Ordnung, andererseits immer auch eine Verletzung dieser Ordnung, eine Zerstörung sozialer Beziehungen, die Rache, Schuldgefühle, Scham, Trennung und Distanz nach sich zieht. Wenn ein Kind nach den Schlägen weint, bringt es damit auch die Trauer über eine zerstörte Hoffnung, über zerstörtes Vertrauen und eine zerstörte Beziehung zum Ausdruck.


"Vorteile" des Schlagens

Dabei ist das Schlagen als eine „materielle“ Handlung relativ einfach zu behandeln: eine Tat, die sich verfolgen, rechtfertigen, bezeugen, quantifizieren lässt. Ihre „Objektivität“ macht sie behandelbar, schafft Klarheit, ist eine „einfache“ Lösung, überfordert nicht den nach Eindeutigkeit verlangenden Sinn. – Ganz anders bei seelischer Grausamkeit, bürgerlicher Kälte, Indifferenz, Schweigen, Ignorieren, dem Gebrauch materieller Abhängigkeit. Diese „Klarheit“ und „Eindeutigkeit“ der Schläge wird als ein Vorteil gegenüber den intellektuellen Winkelzügen einer nichtschlagenden Pädagogik propagiert, obwohl sie immer auch mit der üblichen Ungerechtigkeit verbunden ist, die mit asymmetrischen Verhältnissen einhergeht. In Afrika habe ich erlebt, wie ein 8jähriger Schüler vor versammelter Schule vom Direktor mit Schlägen und Fußtritten traktiert wurde. Derselbe Direktor erzählte mir, wie er immer, wenn er seinen alten Lehrer trifft, diesem ein Bier als Entlohnung für die Schläge spendiert, die er von ihm bekommen hat. Seine Klassenkameraden, die es nicht so weit gebracht haben, dürften weniger spendabel sein.


Ist das staatliche Gewaltprivileg eine notwendige Kulturbedingung?

Schlagen ist Ausstoßung aus einer Gemeinschaft, eine Feinderklärung bis zur Todesdrohung und Tötung, andererseits aber auch eine Regelung von sozialer Ordnung auf einem konservativen Niveau. „Konservativ“ in dem Sinne, dass diese Ordnung geregelt oder wiederhergestellt wird, dass die Motive und Intentionen des Ausgestoßenen nicht gewürdigt, verstanden und abgelehnt werden. Nun lebt Gesellschaft immer von der Verdrängung und Unterdrückung gemeinschaftsfeindlicher Handlungen, aber diese Unterdrückung muss für jeden nachvollziehbar sein und unter den gegebenen historischen Veränderungen neu ausgehandelt werden.

Der von seinen Entführern misshandelte Reemtsma wird in seinen Tätern nur das Böse der Gewalt an sich sehen und nicht nach ihren Gründen, geschweige denn ihrer Verständlichkeit fragen. Das Kapital, das er in die Manipulation der bürgerlichen Öffentlichkeit investiert, lässt seine Herkunft aus der Ausbeutung anderer Menschen nicht mehr erkennen. Die Macht des Geldes wirkt nicht über Schläge, Gewalt und ist trotzdem gewaltförmig. Reemtsma kann sich ein linkes Image kaufen, irgendwelche intellektuelle Prostituierte lassen sich immer finden, aber die Lösung liegt nur in der "Expropriation der Expropriateure", der Enteignung der Enteigner.

Gewalt in der Bibel

In der menschenfreundlichen Bibel heißt es im Psalm 137,9: „Wohl dem, der deine (Babylons) jungen Kinder nimmt und zerschmettert sie an den Stein!“. Luther gibt hier eine denkwürdige Auslegung: „Der Fels ist Christus, die kleinen Kinder aber sind unsre bösen Triebe und Wünsche. Was soll man tun, wenn man diese Triebe und Wünsche spürt? Wie soll man sie überwinden? Antwort: wenn man sie an den Felsen Christus schmettert...“. Hier werden auf sehr gefährliche Weise Kindheit mit böser Triebhaftigkeit gleichgesetzt und es wird der ideologische Kern einer schwarzen Erziehung entwickelt. (Eine radikale Deutung versucht Petra Bosse-Huber.)


Gewalt in der Familie

In einer Familie kommt es zu einem Konflikt zwischen Geschwister. Es geht um schmutzige Handtücher. Der eine schreit auf den anderen ein. Die Mutter fängt auch zu schreien an. Der Vater hält die Mutter erst zurück, schreit schließlich auch und schlägt auf ein Kind ein. Mit gellenden Schreien und nach Luft japsend rennt das Kind in sein Zimmer. Alle haben Schuldgefühle und rechtfertigen sich aggressiv.

Was geht hier vor sich? Dieses Kind ist überzeugt, dass alle gegen es sind und sein Bedürfnis nach seiner Freiheit. Mit seinem Schreien gibt es seiner Wut darüber Ausdruck. Warum schlägt der Vater? Er empfindet seine Wut als ungerechte Anklage, als „böse“.

Die Familie bildet eine Gemeinschaft dadurch, dass die Mitglieder sich mit gegenseitigen Erwartungen gegenüberstehen. Diese Erwartungen führen zu Konflikten, wenn sie die Entscheidungen und Wünsche eines Mitglieds in Frage stellen. Das Schlagen ist, genauso wie es ausgrenzt, Ausdruck dieser gegenseitigen Abhängigkeit.

Im bürgerlichen Verständnis sind diese Gefühle – etwa von Wut, Zorn – zu unterdrücken zugunsten der Freiheit des Individuums, seiner Unabhängigkeit und Autonomie. Man mag es das Prinzip der „bürgerliche Kälte“ nennen. In einer metabürgerlichen Gesellschaft hat Verständigung Vorrang vor Unabhängigkeit.


Psychologie des Geschlagenen

Der Geschlagene fühlt sich identifiziert als böse, ausgestoßen. Er trägt eine innere Marke mit sich, fühlt sich als außerhalb der Gemeinschaft, in gewisser Weise „vogelfrei“. Er hat zu befürchten, immer wieder geschlagen zu werden. Schlimmer, er hat das Gefühl, dass dazu ein Recht besteht. Er hat Angst, ist schuldbewusst, hat kein Selbstbewusstsein, geht auf Distanz. Ihm bleibt of nur die Identifikation mit den Andersartigen. Manchmal scheint eine ganze Gesellschaft in Outlaws zu zerfallen und nicht nur die Geschlagenen zählen dazu, sondern alle anderen, die Schläge nur zu befürchten hatten.

Der Geschlagene kann auch einen „verschlagenen Charakter“ annehmen, das bedeutet, er täuscht vor, man kann ihm nicht glauben, was er vorspielt, man kann ihm nicht trauen. Er kann aber auch sadistisch werden und sich daran freuen, dass anderen das widerfährt, was ihm widerfahren ist. Oft ist das Leben von Geschlagenen von unbewussten Rachephantasien verdorben.


Die Versöhnung

Gibt es eine Lösung aus der Gewalt? Gewalt zerstört, führt etwas Anderes in die Gesellschaft ein, verändert. Gewalt kann nicht zurückgenommen werden, aber auch die Rache, das Recht und die Gerechtigkeit können das nicht wiederherstellen, was zerstört worden ist. Eine Versöhnung im einfachen Sinne der Anerkennung der Schuld, der Übernahme von Buße und Wiedergutmachung ist keine Lösung, denn wird die Ursache der Aufhebung des Gleichgewichts nicht weiter wirksam sein? Beziehungen können sich nur verändern, wenn sie von beiden Partnern als Schuld anerkannt werden. Im Grunde ist das ja in dem christlichen Vergeben und Schuldbekenntnis enthalten. Andererseits bleiben ein Schuldbekenntnis und eine Vergebung historisch nur bedingt folgenreich, wenn sie nicht konkret werden und neue Beziehungsstrukturen bewirken.


Wo Gewalt auftritt ist es ein Symptom einer schon lange vorsichgehenden falschen Entwicklung. Es hat keinen Sinn, nur das Symptom zu unterdrücken.

23.1.08

FAKTEN ZUR „ARMUT“

„Das mittlere verfügbare Jahreseinkommen der Bevölkerung lag 2005 bei 15.617 Euro pro Person. Als armutsgefährdet galten alleinlebende Personen, wenn sie weniger als 781 Euro im Monat zum Leben hatten. Unterhalb dieser Schwelle habe man kaum Chancen auf eine umfangreiche Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.“ So zitiert die Junge Welt am 21.01.08.
Warum heißt es nicht im Erbendeutsch „Teilhabe“? „Umfangreiche Teilhabe“. Mit ihrem Geld, was genau das kaputtmacht, was sie haben wollen: Reichtum. Das ist das Leben in einer bestimmten Zeit, wie man es von seinen Eltern und Vorfahren, der Gesellschaft in der man lebt, bekommt und das man weitergibt an die nächsten Generationen in ihrer Suche nach dem menschlichen Glück, der Suche nach der menschlichen Bestimmung. Welche Idiotie, das an Geld zu knüpfen. In einer Welt, wo die Mehrzahl der Menschen mit fast gar nichts an Geld auch lebt. „Teilnahme am gesellschaftlichen Leben“ Was soll das sein: Geburtstagsparties, Opernbälle, Demos gegen die Luxusgesellschaft? Zuerst werden wir von ihren Opernbällen ausgeschlossen und dann sollen wir auch noch unglücklich darüber sein. Es ist offensichtlich eine typische mittelschichtsorienierte Definition dessen, was „umfangreiche Teilnahme am gesellschaftlichen Leben“ bedeutet. Auch wenn sie sich immer zur einzigen Gesellschaft machen will, sie ist es nicht.

15.1.08

RENTENBERECHNUNGEN

Die Taz legt nach. Offensichtlich ist der konsumistische Schleuderkurs selbst intern auf Fragezeichen gestoßen. Jetzt erfahren wir:
1500 € netto (also 2500 € brutto) gibt nach 32 Jahren 680 €.
Als Quelle wird Monitor genannt, der bezieht sich auf „regionale Versicherungsträger“.
Am gleichen Tag veröffentlicht ein Organ für neoliberalen Polit- und Männertratsch eine andere Rechnung:
1900 € brutto ergeben nach 35 Jahren Grundsicherungsniveau, also 680 €. Diese Zahl hat das Männermagazin
vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. (Die Aussage: „…wird die Durchschnittsrente in 14 Jahren auf das Niveau der Grundsicherung gesunken sein“ ist völliger Blödsinn: Durchschnittsrente in 14 Jahren, das wäre heute 30 000 geteilt durch 12, also 2500 brutto).

Ich versuche nachzurechnen. Das Problem fängt an mit Brutto und Netto. Anscheinend bezieht sich die Taz auf ein Durchschnittseinkommen, also ca. 30 000 €. Also simple Rechnung (das bedeutet ich lasse Erziehungszeiten, Ausbildung usw. weg):
32-mal aktueller Rentenwert 26,27 € gibt 840,64 €. Davon ziehe ich die 14 % ab, die der Nachhaltigkeitsfaktor (2004 Rot-Grün) bewirkt und komme auf (840,64 mal 86%) 723 €.
Dabei aber nicht eingerechnet sind: Lohnzuwächse, Erhöhung des Rentenwerts, Veränderungen der Beschäftigtenzahl etc. Aber der Nachhaltigkeitsfaktor wirkt sich nur indirekt dadurch rentensenkend aus, dass er eine Steigerung des Rentenwerts verhindert, durch Inflation also die reale Kaufkraft absinkt.

Das andere Beispiel ist realistischer: 1900 € (mit Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld oder ohne??) ergibt 22 800 im Jahr, sind ca. 76 % des Durchschnitts, ergeben nach 35 Jahren 698,78 € - 14 % letztendlich „netto“ 601 €.
Was ist
Grundsicherungsniveau? Es ist, da Miete, Heizkosten etc… mit eingerechnet werden, variabel: von 337€ aufwärts bis 680 €. (Bei meinen Heizkosten, samt Kochen und Warmwasser – Energiesparhaus - von 14 € je Person und Monat würde ich bei einer absehbaren Mikrorente von 363 € nichts bekommen).

Der
Nachhaltigkeitsfaktor verdient einen besonderen Kommentar: Immer weniger Arbeitende zahlen für mehr Rentner. Schlimm? Kein Problem, wenn bei wachsender Produktivität – diesem Lebenselixier des Kapitalismus – immer weniger Zeit für die Herstellung eines gegebenen Standards gesellschaftlichen Reichtums produziert wird. Oder auf hochdeutsch: immer weniger Leute erarbeiten immer mehr. Deswegen auch natürlich steigende Arbeitslosigkeit.
Problem? Der Sozialversicherungsanteil am Lohn steigt. - Mit dem Nachhaltigkeitsfaktor soll das reduziert werden.
Und jetzt? „Rentenlücke, Rentenlücke“!! Was tun? Private Rentenversicherung, Riesterrente, betriebliche Rentenversicherung.
Und dann? Jetzt zahlen die Leute, was sie ohne Nachhaltigkeitsfaktor in die Rentenkasse mehr einbezahlt hätten, in die Privatkasse. Was haben sie gewonnen?
Nichts. Ich nehme an, dass sie sogar noch viel mehr als früher zahlen werden. Aber - der Arbeitgeberanteil wurde gesenkt. Eine schöne stille Lohnsenkung.
Wie gesagt, das wurde durchgesetzt von Rot-Grün, vorbereitet und intelligent durchdacht von den Knotenpunkten der Verflechtung von Kapital und Politik: Lauterbach, Raffelhüschen, Rürup, Riester.
Wie war das möglich? Es gibt diese allgemeine Entsolidarisierung, bedingt durch das Gefühl, dass man von den staatlichen Institutionen abgezockt wird und dass andere Menschen dadurch Vorteile hätten – diese Mixtur von Wahn und Wahrheit.

12.1.08

LINKE ÖKONOMIE?

In der Taz lese ich, wie hart es die jungen Deutschen haben. In einer schlampigen Rechnung, wie sie in Journalistenkreisen üblich ist – man kann sich vorstellen, wie sie zuhause rechnen – wird am Beispiel einer Erzieherin vorgerechnet, was von 1500 Netto übrig bleibt. Nämlich nichts.
Auch bei einem Krankenpfleger bleiben von 1700 nichts übrig, nicht mal Geld für die Riesterrente, wie es die unvergleichlich ärmere Erzieherin sich vom Munde abspart. Aber sie verraucht ja auch nicht 240 € im Monat. – Führen die beiden schon ein allerärmlichst Leben, wartet auf sie in der Rente nur noch bitterste Armut: „der 33-Jährige rechnet mit einer Rente knapp über Sozialhilfeniveau“.
Man weiß nun nicht genau, wer soviel prognostische Fähigkeiten hat, der Journalist oder der Pfleger, aber mein Vertrauen in die Rechenkünste beider ist mir sowieso schon verloren gegangen.
Welchen Sinn sollen solche Armuts- und Jammerartikel haben? Sie reproduzieren Lagerdenken, tragen aber nichts zum Aufbau einer neuen Ökonomie bei. - Ökonomie ist immer Haushalten mit knappen Ressourcen. Dass die Ressourcen bei uns knapp wären im Weltmassstab – und das ist die „Benchmark“ einer linken Ökonomie – ist Theater, linke oder rechte oder sonst welche Propaganda.
Natürlich denke ich, schaue ich auf mein Einkommen, auch auf die Relation zu den Gehältern um mich herum, vergleiche meines mit Durchschnittseinkommen und fühle mich ungerecht behandelt usw. Aber sinnvoll ist nicht Erhöhung, sondern die Reduzierung des „Reichtums“.
Das gesellschaftliche Gefüge durch Lohnforderungen zu verändern, ist eine alte Illusion. Es ist zwar unpopulär, eine Verallgemeinerung der Armut – besser einer haushälterischen Bescheidenheit – zu verlangen, aber auf die lange Dauer gibt es keine anderen ökologisch und sozial verträglichen Optionen.
Ich werde nichts zu dieser Option beitragen können. Die leise, aber nicht schweigende Stimme der Vernunft wird übertönt werden von 1001 Rechtfertigungen, warum die einen mehr verdienen als die anderen, von Verteilungskämpfen, schließlich Kriegen. Danach wird wieder kurz die Wahrheit aufblitzen, so wie nach 45, als sogar die CDU den Sozialismus verlangte, und dann wird die individuelle Bereicherung wieder weitergehen bis zur nächsten Katastrophe.

9.1.08

GEGENFRAGE

Der letzte Eintrag zeigt mich eigentlich recht zufrieden über die Verhältnisse. Ich kann froh sein, durch sozialdemokratische Politik mich nicht in die Beschäftigung mit der Gründung irgendwelcher Geschäfte stürzen zu müssen, beliebige Ideen also neu und originell verkaufen zu müssen, sondern stattdessen mit nur genügend Geduld meine letzten paar hundert Tage am Band abzuleisten.
Wie solle es Revolution geben, wenn schon einer wie ich zufrieden ist? Und ich mich nur noch mit Existenziellem, um meine individuelle Existenz, Vergangenheit, Zukunft, Alter, Tod befasse? Was hat das noch mit Klassenpolitik zu tun, mit Revolution? Bestätigt das nicht jenes bürgerliche Prinzip, dass der Einzelne vor allem sich um sich selbst kümmern solle, sich einen privaten Bereich besorgen soll und anderen ihre Freiheit lasse?

Gut, auch ich genieße meine private Freiheit. Andere ständig kritisieren zu müssen ist einfach unangenehm und ein Unglück. Es gibt auch diese Differenz von Einzelnem und Gesellschaft, von privatem Leben und Politik. Es geht nicht alles ineinander über.

Ein Beispiel für die allgemeine Privatpolitik zeigt die IG Metall, die sich gegen einen allgemeinen Mindestlohn wendet, aus Angst und Sorge, dass ihre Mitglieder auf das Niveau runterkommen, wo sich eine große gesellschaftliche Gruppe schon befindet. Die gleiche Gewerkschaft trägt die Parole der Solidarität vor sich her.

4.1.08

NEUES VOM BAND?

Ich bin bei meiner Arbeit vor allem mit Hören von Podcasts beschäftigt, Rundfunksendungen quer durch die Republik. Themen sind Tagespolitik, philosophische und andere Diskussionen, Journalistisches aller Art, Vorträge, Interviews. Ich werde regelrecht verwöhnt mit Sätzen, denen ich begeistert zustimme und anderen, die mich verärgert zu Analysen bewegen. Während der Geist Stoff bekommt, sind die Hände bei der Arbeit. Und ist die Zeit um, die MP3-Dateien durchgehört, kann ich zufrieden nach Hause fahren. – Skeptisch bin ich, wie das auf Kollegen wirkt. Vielleicht gelte ich irgendwie nicht richtig anwesend, aber als Halbzeitler sind die Erwartungen an mich nicht so anspruchsvoll. Ich mache meine Jobs - aus, fertig. Dann da und dort mal Smalltalk. Ich kenn mich mit Lohnabrechnung und Tarif aus. Zuhause rechne ich meine Rente durch.
Gesamtgesellschaftlich betrachtet ist es gar keine typische Situation, in der ich mich hier am Band befinde. Schaue ich um mich, dann sind die meisten Menschen bei ihrer Arbeit in Situationen, in denen sie es sich nicht leisten können, Mp3 zu hören, sind zu Aufmerksamkeit gezwungen, der Kopf ist ausgefüllt mit ständigen Bemühungen, neuen Herausforderungen gerecht zu werden, beschäftigt mit dem Verarbeiten von Beleidigungen und Bemühungen, andere zu übertrumpfen.
Ich tu einiges, um meine vermasselten Beziehungen zu Kollegen zu reparieren. Aber wenn ich in zwei Jahren in Altersfreizeit bin, werde ich wohl kaum mehr Beziehungen zu Kollegen haben. Ich denke nicht, dass die Ursache dafür nur in meinem Charakter liegt.

RELIGIONSMONITOR

Bertelsmann tut was für die Kirchen. 70 sind religiös, 18 hochreligiös. Die Kirchen jubeln: Die Menschen wollen begleitet sein in wichtigen Lebenspassagen, und die Kirche können ihnen passende Rituale bieten. Die Pfarrer brauchen nicht mehr Sozialarbeiter sein, sondern dürfen Religion verbreiten und von Gott reden. Die Religion stirbt also doch nicht ab, wie mal (von Marxisten?) gesagt.
Schaut man sich diese „Religiosität“ genauer an, sieht man nur Diffuses: Gefühle, "Ehrfurcht, Geborgenheit, Schuld, Freude, Angst und Liebe", Meditieren, Transzendenz, „Werte“. Der Kirchenkritiker findet sich plötzlich als „Religiöser“ wieder. Und sieht sich als Teil einer religiösen Propaganda.
Aber die Bertelsmannstudie zeigt, was an „religiösen“ Themen ansprechbar ist und bei verschiedenen Schichten Resonanz findet. Abgefragt werden dazu nicht nur Postleitzahl, auch Familienstellung, soziale Schicht. So werden dann Pfarrer für ihre Predigt oder auch Zeitschriften für ihre Artikel wissen, welche Begriffe sie oft genug nennen müssen, um auf Resonanz zu stoßen. Und so wären die Kirchen, die jetzt mehr und mehr auf Steuereinnahmen verzichten müssen, wieder im gesellschaftlichen Rennen, könnten ihr Angebot den Bedürfnissen ihrer potentiellen Schäfchen anpassen, die ihnen auch jetzt immer noch in Scharen davonlaufen.
Dass sich die Bertelsmannstiftung, die sich sonst so für Neoliberalismus stark macht, hier Pomotion für die religiöse Linie macht, verwundert. Aber vielleicht müssen die neoliberalen gesellschaftlichen Entgleisungen: Billiglöhne, Sozialdumping, Verwahrlosung, Konsumidiotie usw. durch metaphysische Visionen von „Ehrfurcht, Geborgenheit, Schuld, Freude, Angst und Liebe“ aufgefangen werden und die Menschen durch Begriffsvortäuschungen wieder an die Kirchen gebunden und von ihrem affirmativen Moralkodex gegängelt werden.

Die Wahrheit von Religion durch eine Umfrage herauszufinden, wer würde das für sinnvoll halten?

Wie war das aber mit dem „Absterben der Religion“ etwa durch „Sozialismus“? Es war eine arrogante Form von Wissenschaftsgläubigkeit, ein plumper Positivismus – menschenfeindliche Hybris. Der „Materialismus“ vieler Linker ist bestenfalls eine naive Form eines Pantheismus oder oft nur affirmative Ideologie. Man soll sich auf das Faktische reduzieren lassen. - Die Religion „stirbt“ aber in dem Maße „ab“, wie sie zur Erkenntnis der paradoxen und ambivalenten menschlichen Situation fortschreitet: Freiheit und Determination, Identität und Vergänglichkeit, Geist und Natur, Individualität und Einheit.