18.10.07

EIN ELTERNABEND

Anfangs der 13ten Klasse soll eine Klassenfahrt stattfinden. Wozu, und warum nicht nach dem Abitur, hat keiner erklärt. Das ist eben immer so. Die Schüler dürfen über Ziele abstimmen. Es steht Istanbul gegen Sorrent. 9 stimmen für Sorrent, 8 für Istanbul. Die Mehrheit stimmt fürs Fliegen, gegen Bus und Bahn. Der Lehrer hat sich schon über Flugpreise kundig gemacht.
Beim Elternabend kommt es zu einer Diskussion. Die Frage ist, wie die Schule einerseits von Umweltschutz redet, dann aber als Krönung zum Baden fliegt, ohne dass es auch nur irgendwie in einem Zusammenhang mit einem Lernprojekt steht, sei es Geschichte oder Sprache. Die anderen Eltern fühlen sich angegriffen: Man könne ja sonst was für die Umwelt tun, etwa Papierchen im Wald sammeln. So ein Jäger. „Haben Sie etwa eine umweltfreundliche Heizung?“ – Ja, wir haben. Ein anderer meint: Die Schüler haben demokratisch darüber abgestimmt. Ich frage: Sind sie über die Konsequenzen ihres Verhaltens informiert, ist es ihr Geld? Ein anderer meint, vor kurzem wäre das mit Al Gore gewesen. Der würde auch jährlich für 30 000 $ Energie verbrauchen und sie selber würden nur einmal im Jahr fliegen. Das alles schlagende Argument wird aber ein Satz einer Mutter: Das Flugzeug fliegt, auch wenn unsere Kinder nicht mitfliegen.
Der Klassenlehrer, vom Typ des Pro und Contra, räsoniert: Ja er wisse um die Problematik der Billigflieger. Früher sei er auch immer mit dem Auto nach England gefahren, aber die Preise wären aber inzwischen so unschlagbar günstig. Er hätte sich auch überlegt, wozu überhaupt eine solche Klassenfahrt sein solle und ob man es nicht auch in der Nähe machen könnte. Aber ach … usw.
Diese Schule bildet vorwiegend zukünftige Techniker aus. Von „Technikfolgen“, sozialen und ökologischen Konsequenzen ist keine Rede. Es gibt Projekte zum Stirlingmotor, zur Wiederverwendung von Frittenöl im Autotank, ökologische irrelevante Spielereien. Aber diese Schule fühlt sich als Elite, zählt sich zu denen, die Ahnung haben und vermittelt dieses Gefühl auch ihren Schülern. Das soziale Modell, das sie vermittelt, ist sozialdarwinistisch. Man darf daraus keine Demokraten erwarten, die jedem Menschen die gleichen Rechte zubilligen.
Nach dem Abend bleibt bei mir das Gefühl, unzulänglich argumentiert zu haben, hoffnungslos zu einer ganz kleinen Minderheit zu gehören. Nicht angekommen ist etwa, dass jeder Mensch nur ein begrenztes und gleiches Anrecht auf Energieverbrauch hat. Oder dass die Schule die Aufgabe hat, über zukünftige gesellschaftliche Probleme zu informieren und nach neuen Handlungsmöglichkeiten zu suchen.
Bei den Lehrern und Eltern im Raum gab es:
- Dummheit - am meisten verbreitet. Motto: wir machen das immer so und werden das immer so machen, alles andere interessiert uns nicht. Das Nichtwissen ist hier gekoppelt mit dem Nichtwissenwollen. Stupidity is no handicap. Die Mehrheit gehört in diese Gruppe.
- Ignoranten, die fachidiotisch zugenagelt sind, sich aber trotzdem überlegen fühlen
- „Demokraten“, d.h. die die verstehen, die Meinungen und Bequemlichkeiten für sich zu instrumentalisieren. Das sind die Demagogen, die den Jargon der herrschenden Mediensprache beherrschen: „Ideologie“, „Mehrheit“ usw.
- Opportunisten - nicht dumm – passen sich aber an die jeweiligen Mehrheiten an. Sie lassen andere Standpunkte zu, nehmen sie wahr. Sie sind sozial am höchsten entwickelt.

Sind Autobahnen faschistisch?

Wieder taucht derzeit das Autobahnargument auf. Es diente in der Nachkriegszeit denen, die angegriffen sich gezwungen sahen, die Nazizeit zu verteidigen. Inzwischen ist es obsolet geworden. Wer es verwendet, stellt sich in die rechte Ecke. Das geht soweit, dass Wikipedia die Rolle Hitlers beim Bau der Autobahnen schlichtweg wegredet, obwohl er immerhin für den Ausbau eines Drittels der heutigen Strecken verantwortlich war. H.M. Broder, der sich für die Beurteilung des korrekten Antifaschismus als letzte Instanz zuständig fühlt, sieht keinen Zusammenhang zwischen Faschismus und Autobahn. Er darf sich das schon deswegen nicht zulassen, weil sich Israel mit einer Trans-Israel-Autobahn schmückt - zuungunsten palästinensischer Gebiete. Meine Frage ist also offen.

Man kann eine Autobahn aus zwei verschiedenen Punkten betrachten: als Entfernung oder als Annäherung.
Als Mittel der Entfernung ist sie Mittel für die rasende Bewegung, von den Futuristen als
angriffslustige Bewegung, Schönheit der Geschwindigkeit bejubelt, als Teil einer allgemeinen Militarisierung gefordert. Die im Auto erreichte Geschwindigkeit, das passive Vorwärtsbewegtwerden durch den Motor, ist eine Regression auf einen kindlichen Zustand, in dem man getragen wird, ein Wohl- und Glücksgefühl, das wohl viele oft vermissen mussten. Die Faschisten haben es verstanden dieses Defizit an positiven Selbstgefühlen durch ein Repertoire von Größenphantasien anzusprechen: die überlegene Rasse, der Blitzkrieger, die Luftwaffe und Raketentechnik, die Wunderwaffe, die grandiosen Masseninszenierungen, die Architektur, die Schlachtschiffe usw.
Der Faschismus, sei er rot oder braun, lebt von der Substanz der größenbedürftigen Individuen. Er bietet ihnen Erlebnisse von Grandiosität. Obwohl zur Nazizeit die Autobahnen eigentlich leer waren, haben sie doch durch ihre Grandiosität beeindruckt.

Das Andere ist die Überwindung der Grenzen von Raum und Zeit. Eigentlich gehört es mit zum Projekt des Größenwahnsinns. Es ist der metaphysische Traum, immer und überall sein zu können. Das, was bisher die Religionen versprochen haben, muss jetzt nach der Verstandeskritik die Technik einlösen. Durch die schnelle Verbindung entfernt liegender Orte mit Hilfe des modernen Verkehrs sollen die Grenzen und Unterschiede beseitigt werden. Die Landschaft, die am Auge vorbeizieht, verliert ihre Unterschiede. Es wird sogar nötig, um dem Fahrer ein Gefühl der Geschwindigkeit, mit der er rast, zu geben, die Ränder der Autobahn speziell zu bepflanzen.
In dem Maße, in dem die Raumgrenzen erweitert werden, wird die Besonderheit der Landschaft überwunden, Steigungen, Untergrund, Wendungen werden ausgeglichen. Eigentlich sollte es immer nur flach geradeaus gehen. Die faschistische Bewegung mag nicht das Relief, die mäandernde Bewegung. Tendenziell ist sie gerade, der Raketenflug das Optimum. Historisch ist das nicht neu, schon das römische Imperium hat das mit seinen Heerstraßen vorgemacht. Auf diesen römischen Straßen hat sich das Christentum ausgebreitet. Geradewegs hat es die Linie des Lebens ins Jenseits verlängert - die Himmelfahrt nahm den Raketenflug vorweg.
Die imperiale Bewegung gehört mit zur Zentralisierung und Gleichschaltung des Reichs. Während aber die Weiten erobert werden, etwa die unendlichen des Ostens, wird ein Heimatkult als kitschige Lüge zelebriert. Ebenso sentimentaler Mutterkult, während gleichzeitig in der Erziehung der Kinder durch Hitlerjugend, Schule, Gestapospitzelei, Eugenik, Armee und Napola die Familie zerstört wird. Dasselbe bei der Rolle der Frau: einerseits Mutterkult, andererseits die Verschickung der Frauen in Arbeitsdienst und Rüstungsindustrie. Wie immer, besteht Politik aus der Kunst der Lüge zur Ausweitung der Macht.
Die Faschisten haben nur das Projekt weitergeführt, das der moderne Rationalismus schon in der Aufklärung begonnen hat. Etwa in der Kanalisierung der Flüsse, der Städtearchitektur von Versailles, Berlin oder Barcelona. Das Besondere, Willkürliche, Individuelle und Unberechenbare soll zugunsten eines höheren Allgemeinen beseitigt werden. Es nennt sich „Ordnung“. Der Unterschied des faschistischen Projekts zum rationalen der Aufklärung besteht darin, dass es die imperiale Praxis mit gefühlvollen Phrasen verschönt: Heimat, Familie, Mütterlichkeit. So wie heute die Unterwerfung unter Moden, die Zwänge der Kapitalverwertung und Konkurrenz als „Individualität“ gefeiert werden.

Doch was hat damit einer zu tun, der auf der Autobahn fährt? Hat die AB heute doch eine andere Funktion, ist Teil der kapitalistischen Warenproduktion geworden. Die meisten dürften darauf „geschäftlich“ unterwegs sein. Das faschistische Erlebnis der schnellen Raumeroberung haben vielleicht noch die Urlaubsfahrer. Allerdings bleiben auch die oft im Stau stecken. Der Erlebnischarakter der AB schrumpft wie das religiöse Erlebnis im Rosenkranz. Das moderne Reisen gibt dem Reisenden das Gefühl, schnell überall sein zu können, aber genauso wie Landschaft gleichen sich auch die Ziele an, zu denen die Autos fahren. Das Erlebnis des Reisens reduziert sich bei dem heutigen Touristen oft auf das Suchen von Bildern, die er vor der Reise schon gesehen hat, auf das erwartbar andere Klima etc. Er kommt ohne Sprachkenntnisse durch, ohne sich mit der bereisten Region bekannt zu machen.
Was da sich historisch entwickelt hat, ist eine abstrakte kollektive Identität. Man kann sie von verschiedenen Seiten betrachten: etwa von der der Entwicklung der Wege und Straßen, des Verkehrs – oder in der Herausbildung eines mehr und mehr überregionalen Warenverkehr,
Kennzeichnend für eine solche abstrakte kollektive Identität ist, dass die Menschen dabei nur in einer sehr beschränkten Funktion aktiv sind. So ist etwa das moderne städtische Leben gegenüber dem vergangenen dörflichen Leben in seinen Beziehungen distanziert, bis hin zur Anonymität und dem Ausweichen vor näherem Kennenlernen. Weil sich aber jeder an allgemeine Regeln hält, ist trotzdem ein Zusammenleben möglich. Der moderne Bürger tritt in seinen Kontakten mit einer beschränkten Identität auf. Etwa in seiner geschäftlichen Funktion, oder in seiner privaten usw. Gerade im Internet mit weitgehend anonymen Schreibern und Lesern wird diese abstrakte kollektive Identität deutlich. Stellt man die Ausdrucksmöglichkeiten dem innerhalb des dörflichen Lebens gegenüber, wo jeder (beinahe) alles vom anderen weiß, wird klar, dass das Verhältnis von Vertrauen und Misstrauen, von Distanz und Nähe in den Beziehungen sich grundsätzlich geändert hat.
Es kann nun nicht darum gehen, wieder zum dörflichen Leben und zum Reisen zu Fuß als alleinigem Fortbewegungsmittel zurückzugehen, sondern zu begreifen, welche Veränderungen im Zusammenleben und im Selbstverständnis der Menschen stattgefunden haben. Die faschistische Identität bringt nur die Krisenhaftigkeit dieser Entwicklung zum Ausdruck. Es hat keinen Sinn, es nur als Ausdruck des Bösen zu denunzieren. Offensichtlich ist eine Dynamik am Werk – Resultat einer in sich gegensätzlichen menschlichen Natur, etwa von Verlangen nach Nähe und Distanz – die sich hier entfaltet und nach einem neuen Gleichgewicht unter veränderten historischen Bedingungen verlangt.

Wenn die Menschen in Funktionen der Warenproduktion auf der AB fahren, werden sie dadurch menschlicher? Dass einer Geld verdienen muss, wirkt selfevident und einleuchtend. Trotzdem kann es eine humane Grenze überschreiten, etwa in dem ungerechten Verbrauch energetischer Ressourcen, den ökologischen Folgen, den zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Warenproduktion hat sich faschistische Elemente einverleibt, sie marktgerecht scheinbar assimiliert und gebändigt.
Die objektive Funktion – Transport von Waren – hat sich von den subjektiven Motivationen – Geschwindigkeitsrausch, der imperialen Geste – gelöst. Die alten faschistischen Ziele sind als nützliche Elemente vom globalisierten Kapitalismus integriert worden. Das Imperium hat die Grundlagen für den Weltmarkt geliefert. Der große Führer ist von vielen kleinen Imperatoren abgelöst worden.

8.10.07

NATURSCHUTZ MIT DEM AUTO

Seit einigen Jahren interessiert mich die Fauna in der Umgebung und ich mache immer wieder neue Entdeckungen. Deswegen fahre ich 30 km mit dem Rad zu einer Führung durch ein spezielles Biotop. Dort wird mir vom Leiter gesagt, dass es zwecklos wäre mit dem Rad zu fahren. Immerhin fahre man 8 km weg und bis ich mit dem Rad an den Treffpunkten wäre, wären die Erklärungen schon gelaufen. Den Fall hatte ich eigentlich erwartet und mir vorgenommen, in dem Fall gleich wieder zurückzufahren, aber die unverhohlen verächtliche Abneigung gegenüber Radfahrern provoziert mich nun doch an der Führung teilzunehmen. Bei jedem Treffpunkt bin ich zuerst da, sehe die Tiere, die dann durch die Autos wieder verscheucht werden oder nicht gesehen werden können.
Ich erfahre dann auch viel über die Bedeutung der Gene und dass die Erde zuwenig Platz für alle Menschen bietet, weswegen Hunger unausweichlich ist. Als ich meine, dass mindest so viele an Überfettung sterben wie an Hunger, ernte ich strengsten Widerspruch. Gerne hätte ich noch erwähnt, dass inzwischen mehr Lebensmittel weggeworfen als gegessen werden.
Die Zerstörung von Lebensräumen für Tiere und Pflanzen hängt weitgehend zusammen mit der Produktion von Überfluss, mit der Angst vor körperlicher Bewegung und Arbeit. Obwohl die Naturschützer an Natur immerhin interessiert sind, sehen sie nicht ihre eigene Rolle an der Naturzerstörung, geben stattdessen die Schuld den Bauern, eingewanderten Tierarten usw.

7.10.07

LEIDEN AN HARTZ IV

Eine Person, die einige Zeit arbeitslos war, fasst ihre Erfahrungen in diesen Statements zusammen:

Verabschiede Dich als erstes von Fachgeschäften oder Supermärkten mit Markenartikeln
Du wirst an Gewicht zunehmen
verabschiede Dich von Deinem Auto
Du wirst Freunde verlieren
Du hast einen Kredit laufen
Du wirst weniger und/oder recht ausgefallenen Sex haben
Du wirst einen Imagewandel durchleben
Kleidung kannst Du ab jetzt nicht mehr kaufen
Dein Wesen wird sich verändern. Moral und Ethik werden Dir sehr zweitrangig erscheinen. Du hast keine Skrupel mehr, schwarz zu arbeiten
Du wirst sehr kreativ und einfallsreich werden


Was hier beklagt wird, zeigt das Elend zeigen, in das Menschen, präpariert durch die Mittelstandskultur geschult, hineingeraten. Dabei besteht das Elend nicht darin, von Hartz IV leben zu müssen – das ist möglich – sondern in der Unfähigkeit, damit produktiv umzugehen. Einmal privat, dann politisch. Privat wird die Zeit der Arbeitslosigkeit als Durchgangsphase erlebt, als individuelles Unvermögen. Dann ist es Abstieg, Imageverlust, gesellschaftlicher Ausschluss. Der, der es so erlebt, denkt in individuellen Kategorien, er hat keinen gesellschaftlichen Maßstab, keine Ordnungsidee. Hätte er das Prinzip, dass jeder Mensch die gleichen Rechte hat, dass keiner ausgeschlossen werden darf, jeder „teilhaben“ soll (so die Sprache der Erben- und Besitzergeneration), dann würde sich aus seiner Lage die Forderung nach Gesellschaftskritik und politischer Praxis zwingend ergeben.
Das bedeutet, dass für den, der die Arbeitslosigkeit „erleidet“, wohl gilt, dass er in seinem Charakter dadurch geprägt ist, dass er zugehörig ist zu denen, die stolz auf ihre individuelle Leistungen, Persönlichkeit usw. sind, mit der sie sonst immer so schön im gesellschaftlichen Mainstream gelebt haben. Dieser Mainstream bedeutet: gehobenen Konsum (Fachhandel, Markenartikel), Kredit, nicht Vorsorge, teure Kleidung als wichtig für das Selbstbewusstsein, Essen als Zeichen von sozialem Status. Die Hierarchisierung der Supermärkte dient der gesellschaftlichen Differenzierung und um sich als gehoben abzugrenzen.
So wird die Arbeitslosigkeit zum Elend. Geht sie vorüber, bleibt sie ein Schock, meist nur individuell verarbeitet. Entweder als Angst, dass es wieder passieren könnte, oder als Stolz, diese Situation durch eigene Leistung wieder gemeistert zu haben, mit Verachtung für jene, die darin hängen bleiben.

Wie könnte die Arbeitslosigkeit positiv bewältigt werden kann. Ein
Beispiel wäre etwa die Besetzung der Kölner Arge. Aber auch eine solche Aktion, auch die der Überflüssigen, gerät in den Sog von Armutskampagnen. Hartz IV muss zwar erweitert werden, vor allem im Erziehungs- und Bildungsbereich, aber letztlich muss die Forderung nach Hartz IV für alle gestellt werden. Arbeitslosigkeit müsste Anlass sein, sich kollektiv Gedanken zu machen über
- gerechte Verteilung von Arbeit
- sinnvolle und sinnlose Arbeit
- Leben außerhalb des konsumistischen Mainstreams der Mittelschicht
- Aktionsformen gegen die Agenturen der sozialen Differenzierung.

Allerdings ist Arbeitslosigkeit für die einen ein Durchgangsstadium, deswegen kein politischer Bezugspunkt. Die anderen, für die Arbeitslosigkeit ein Dauerzustand ist, sind nicht in der Lage, politisch aktiv zu werden. Bei ihnen läuft die Interessenvertretung nur über Ersatz-Ichs, Sozialarbeiter, Alkohol usw.
Von Arbeitslosen lancierte Themen hätten nur dann eine Chance, von den Menschen als seriös behandelt zu werden, wenn sie in den Medien präsent wären. Eine schöne Idee hat keinen Wert, wenn sie nicht in den Medien als seriös dargestellt wird. Aber die Öffentlichkeit ist an die Mittelklasse verfallen. Deswegen haben solche Ideen, wie ich sie hier überlege, keine Chance. Nie.
Was bleibt, ist unter Protest von den herrschenden Verhältnissen Abstand zu nehmen und individuelle Lösungen zu suchen. Das, was sich in der Realität abspielt, kann doch nicht die Wahrheit sein.


FRAUENKOMMENTAR
Im Radio wird ein Kommentar zu der Forderung nach Verlängerung des ALG I für Ältere angekündigt. Eine Frau soll kommentieren. Ich kenne sie nicht, die Frau Sabrina Fritz, aber sofort weiß ich, was ich zu erwarten habe: neoliberales Geschwätz.
Und tatsächlich erfahre ich: Hartz IV ist gut, weil damit dafür gesorgt wird, dass die Leute jede Arbeit annehmen. Hartz IV ist dafür da, die Löhne nach unten zu drücken… - Aber warum sind Frauen, die in solche Positionen kommen, so reaktionär? Sicher, sie haben eine bürgerliche Herkunft. Nur solche, die besonders aggressiv und konkurrenzgeil sind, kommen in solche Jobs. Sie haben die richtigen Beziehungen. Sie haben sich mit vielen Opfern – etwa Beziehungen, Kinder usw. - hochgearbeitet und glauben sich jetzt im Recht, das von den anderen auch zu fordern. Oder sie spielen jetzt ihren Vorteil aus und genießen es, an andere Forderungen zu stellen, denen nur sie selbst nachkommen konnten. Außerdem werden sie gerne von Männern im Hintergrund als Sprachrohr ihrer Meinungskampagnen benutzt.
Ein solcher Rundfunkjob erfordert übrigens folgende Qualifikationen:
In Arbeitsmarktfragen liegt eine weitere Kompetenz von Ihnen. Sie sind sicher in der Moderation und haben Liveerfahrung. Nichts steht drin über Erfahrungen, mit Hartz IV zu leben, Teilzeit, 1 Euro und 400 € Jobs, im Niedriglohnsektor, in dem Frauen die Mehrheit bilden. Live ist nicht reales Leben.

Vielleicht sind diese Frauen aber nur so reaktionär wie die Männer um sie herum Mir fallen sie aber besonders negativ auf, weil in mir vielleicht doch die Illusion versteckt lebt, dass sie als das „schwächere“ oder „weichere“ Geschlecht weniger barbarisch als die gewöhnlich ohnehin gedankenlos in ihre Triumphe verliebten Männer sind.
Aber das war eine Illusion, mit der schon viele Kinder gescheitert sind.

3.10.07

Abschied von André Gorz

Die Frage nach der Nachricht von seinem Tod war, was er mir bedeutet hat. Zunächst habe ich nichts Markantes gefunden. Einiges von ihm habe ich gelesen, einiges hat sich im Gedächtnis gehalten. Etwa die Beschreibung des Trends, die verfügbare Zeit in Lohnarbeit umzuwandeln, um damit wieder belohnte Dienste zu bezahlen. – Aber gefehlt hat mir der aggressive Angriff auf die Verantwortlichen dieser Tendenzen.
Da war sein Buch „Ökologie und Politik“. Entweder habe ich es mit blindem Verstand gelesen, oder da es stand nichts Entscheidendes drin.
Dabei – lese ich die Nachrufe – hat er einiges gesagt, was ich selber praktiziere: die Reduktion der Lohnarbeitszeit, die Übernahme normalerweise bezahlter Arbeit in Eigentätigkeit. Das reicht vom Brotbacken, Kochen über Kinderbetreuung, Mobilität, Garten bis zum Hausbau.
Gorz, so Martin Kempke in der taz, beschreibt „den unvermeidlichen Niedergang des männlichen, vollzeitbeschäftigten Lohnarbeiters … und (empfahl) der Linken …, ihre Fixierung auf die traditionelle Lohnarbeit aufzugeben. Eine emanzipatorische, auf individuelle und soziale Freiheiten zielende politische Strategie müsse über die inhaltlichen und sozialen Grenzen der traditionellen Arbeiterbewegung hinausreichen und die Anregungen der Frauen- und der Ökologiebewegung berücksichtigen.“

Was ist daraus geworden?
Der männliche Lohnarbeiter, hat sich seine Lage grundsätzlich verändert? Er ist genauso in der Krise, wie die anderen. Betroffen sind vor allem die „Unqualifizierten“.
Die Frauenbewegung hat sich in dem Verlangen nach Job und Lohn dem Konkurrenzprinzip des Kapitalismus unterworfen und angepasst, es nicht verändert, sondern verschärft. Dabei wurde nicht einmal geschafft, Zeit für Erziehung von Kindern, die Beteiligung der Väter etwa durch Überstundenverbot usw. einzufordern. Stattdessen läuft das Projekt der Rationalisierung der Erziehung in kapitalistische Verwertungszusammenhänge. Erziehungszeit und –Geld wurden von der CDU eingeführt.
Und die Ökologie? Sie ist da relevant geworden, wo sich mit ihr ein Geschäft machen lässt. Etwa im Bereich der Energie, bei der Erzeugung und Einsparung im Baubereich. Aber das hängt mit der Verteuerung der Energie zusammen. Wo die Verschmutzung und Zerstörung der Erde billig ist, läuft sie ungehemmt weiter.
War das ein Grund, sich vom Proletariat zu verabschieden? Bringt uns die neue „immaterielle Produktion“ den Sozialismus? Kann man da neue selbstbestimmte, demokratische Arbeitsstrukturen erkennen? Leben die „Produzenten“ in diesem Bereich bescheiden und genügsam von nachhaltig erzeugten Produkten?
Es hat keinen Sinn, sich vom „Proletariat“ zu verabschieden. Genauso kann man sich vom Leben selber verabschieden. Der Reichtum, von dem die Intelligenz lebt, wird von der Arbeiterklasse erzeugt, sei sie männlich, weiblich, chinesisch oder deutsch.
Es mag Individuen geben, die das Bewusstsein von Ungerechtigkeit und Unfreiheit, das Verlangen nach anderen Beziehungen im Kopf haben, aber Sozialismus ist nur als der einer Arbeiterklasse möglich.
Die Vorstellung von Gorz einer dualen Ökonomie, auf der einen Seite der „sozialistisch“, befreite Freizeitbereich, auf der anderen Seite die immer mehr reduzierte Arbeit im kapitalistischen Verwertungszwang, ist ein Denkspiel - von Heinz Weinhausen nicht schlecht mit „Sphärenklänge“ beschrieben. Unter den gegebenen Voraussetzungen bin ich notgedrungen ein praktizierender Anhänger dieses Modells. Aber es muss durch die Konfrontation mit der Realität ergänzt werden. Es sollte mehr als ein Diskurs unter Intellektuellen sein.

1.10.07

ARBEITSERFAHRUNG

J. Schmierer, der 1970 mit Maozitaten, Ruf nach Partei usw. tönte, inzwischen zum Berater im Außenministerium aufgestiegen, will in einer Betrachtung der 68er ihre Internationalität herausstreichen. – OK -. Dabei berichtet er von einem Erlebnis auf einer Baustelle, wohl in Berlin August 61. Es gibt eine Diskussion über Hitler. Dabei stellt sich heraus, „dass der ganze Trupp das hohe Lied auf Hitler sang, außer dem Polier“, dieser Polier aber meint dann, 6 Millionen wären zuwenig gewesen, man hätte noch mehr Juden umbringen müssen.
Die Geschichte hat mehrere Seiten.
Zuerst verweist Schmierer auf Erfahrungen mit der realen Arbeiterklasse. Er unterstreicht damit, so wie ich in diesem Blog, die Bedeutung seiner Aussagen.
Dann aber beschreibt er ein moralisches Defizit der Arbeiter. Es hat aber zwei Aspekte: Einerseits ist es real, andererseits dient es als Rechtfertigung für die Herrschaft der sich über sie stellenden Mittelklasse. Sie schafft sich dadurch die moralische Hoheit und Überlegenheit in Medien, als Pfarrer, Lehrer etc, aber auch in linken leninistischen Parteien und Ideologien von Lukacs bis Mao.
Der Faschismus war keine Sache einer bestimmten Schicht oder Klasse, hatte aber einen signifikanten Mittelstandsbauch. Nach der Niederlage wurde reingewaschen. Hitler wurde zum Proleten erklärt und der Philosemitismus zur Eintrittskarte in die reformierte bürgerliche Gesellschaft, die von Hitler abrückte und sich den Siegern anschloss. Die neue politische Form, sich seine Privilegien zu sichern, war jetzt die parlamentarische Demokratie.
Es ist nicht so, wie mit Schmierer viele nahe legen wollen, dass die Eliten faschistisch waren, etwa die prügelnden Lehrer. Nein - die hatten sich bis auf Ausnahmen in der Regel reorientiert, reedukiert, hatten sich an die neuen politischen Verhältnisse angepasst. Man sehe sich nur die Leutnants von Augstein bis Strauß an. Diese Neuorientierung geschah häufig mit Hilfe der Projektion und Verfolgung eigener faschistischen Anteile auf andere: die Kinder, die Arbeiter, die Rechten usw. Gerne wurde von den Eliten später etwa Klemperers Bild von Hitler als kulturlosen Proleten aufgenommen.
Dazu kommt, dass die Arbeiter oft an dem Syndrom der heteronomen Sekundärtugenden: Treue, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit usw. leiden. Ein Grund, weswegen sie im Gegensatz zu den beweglicheren Eliten zu einem Mann hielten, dem eine ganze Nation die Treue geschworen hatte und viele Millionen von Deutschen ihr Leben geopfert hatten.
War Hitler ein Prolet? Er hatte sicher proletarische Züge: das Geschrei des in Rage geratenen - die Rage ein psychotisch-hysterischer Fantasiezustand -, die Phrasen, die kleinbürgerliche Sucht nach Großbürgerlichkeit, die Orientierung an Rache und Revanche, das aggressiv brutale Auftreten. Aber er war kein Arbeiter, hat sich nicht als Teil einer Gesellschaft verstanden, die sich ihr Leben und Zusammenleben über Arbeit organisiert. Seine Motive waren Raub und Ausbeutung, Überlegenheit und Dominanz, waren von Anfang an Rache und Vernichtung.
Weswegen identifizieren sich Arbeiter noch 61 und auch später mit Hitler, mit Forderungen nach Todesstrafe, mit Antikommunismus, mit einer Bereitschaft zu Unterdrückung? Es ist die Identifikation mit der erfahrenen eigenen Unterdrückung, der unbarmherzigen Härte in Erziehung und Arbeit. Die unterdrückte Wut sucht nach Gelegenheiten zur Rache an anderen Opfern, vor allem bei denen, die nicht das gleiche Schicksal ertragen mussten.

Aber auch die Identifikation mit Opfern, sei es mit Jesus oder Luxemburg, verrät eine Geschichte der immer noch bestehenden Gewalt gegen Menschen. Sie ist solange nicht beendet. als sie als Drang nach Apokalypse, Tod und Rache fortbesteht. Immer wieder taucht der Wunsch nach der großen Abrechnung, einem Jüngsten Gericht auf. Die scheinbare Identifikation mit den Opfern des Faschismus, wie sie zur Phraseologie des neuen Deutschlands gehört, verweist auf neue Gewaltverhältnisse.

Wie gesagt, leben viele Arbeiter in einer heteronomen Welt, d.h. in einer Welt von Abhängigkeit mit dem Bedürfnis nach Anerkennung durch Autoritäten, sei es der Arbeitgeber oder Familie oder Öffentlichkeit. Gemischt ist dieses Bedürfnis freilich mit der Realität der Enttäuschungen, der Konfrontation mit Misstrauen und Ablehnung, Ausbeutung, Entlassung oder Drohungen. Moralische Autonomie kann nur dort idealtypisch existieren, wo weder Druck von außen noch von innen ist, also ein entspanntes Verhältnis zur sozialen Umwelt besteht. Die Erfahrung von permanenten Demütigungen macht einen objektive Moral schwierig. Es ist nicht so, dass dies der Mittelschicht alles fremd wäre, aber ein befriedigenderes Leben macht Moralisieren leichter.
Dass es bei den Arbeiten - und anderen Schichten - auch 15 Jahre nach Ende des Faschismus immer noch Verteidiger Hitlers gab, zeigt auch, dass eine offene Diskussion über die Werte des Faschismus nicht stattgefunden hat, auch nicht über die neue Gesellschaft. An die Stelle der Auseinandersetzung um gesellschaftlicher Werte ist die ökonomische Entwicklung, das „Wirtschaftswunder“ getreten.
Wie aber ist es dem Faschismus gelungen, die Arbeiter so an sich zu binden? Ein Großteil der bis 1945 30jährigen, also Jahrgänge 1915 und jünger, hat im Faschismus seine Lehre und Ausbildung gemacht. Anschließend waren sie in der Regel als Soldaten im Krieg. 1961 waren sie ungefähr um die 40. Sie haben keine Beziehung mehr zu Gewerkschaften und linken Parteien gehabt. Die faschistische Arbeitsorganisation hat den Arbeitern zwar ihre Köpfe genommen, aber die Arbeiter eher pfleglich und mit Respekt behandelt. Auch ist es den Faschisten gelungen, rebellische und antibürgerliche Motive zu integrieren. So weitgehend, dass heute nichtbürgerliche Verhaltensweisen (Nähe statt Distanz, Inhalte vor Form, Ehrlichkeit vor Höflichkeit, Volksmeinung statt Elitenkultur) schnell als „faschistisch“ denunziert werden können.
Die betonte neue „Bürgerlichkeit“ – auch in der Begründung mit Elias´ Kulturtheorie - versucht, den Faschismus in einer falschen Weise ungeschehen zu machen. So als ob darin nicht Probleme und Motive aufgebrochen sind, die die bürgerliche Gesellschaft in sich enthält, aber unterdrückt hat.
Offensichtlich ist es den Faschisten gelungen, Lebensmotive anzusprechen, die den Rahmen ordentlicher Arbeit, mechanisierter und maschinisierter Beziehungen überschritten haben: Eroberungen ins Neue, Siege, Triumphe. Ich denke hier nicht weiter, es ist ein gefährliches Gebiet. Offensichtlich ist es eine treibende Kraft in Geschichte und Gesellschaft. Es hat keinen Sinn, es nur moralisch zu diskreditieren und zu glauben, sein Bann wäre damit gebrochen.

25.9.07

Die konsumistische Identität

In der taz von gestern gab es eine Apologie des Konsumismus. Derart: „Was immer wir tun, wir shoppen“. „Wir sind, was wir kaufen (oder eben nicht kaufen)“. „Dass wir mit den Waren, die wir konsumieren, …unser Ich … konstituieren“. „Das ‚Selbst’ ist schließlich nicht vor den Produkten da, sondern wird mit deren Hilfe erst modelliert“. Es wird auch eine Kritik am Konsumismus erwähnt, der Suchtcharakter des Shoppings – aber am Ende bleibt es: Alles ist Shopping.
Oder wie Marx im Kapital den Warenfetischimus an: „Der Reichtum der Gesellschaften … erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung’“. Dahinter versteckt sind die gesellschaftlichen Beziehungen in der Produktion, die Ausbeutung und Zurichtung von Mensch und Natur.
Davon will der Autor nichts wissen. Konsumieren ist Freiheit, „Selbst“, Identität, „Ich“. Die Kehrseite interessiert ihn nicht.

Ich drehe die Sache einfach um. Unsere Identität besteht im Wesentlichen daraus, was die anderen in uns sehen und wie wir auf diese Sicht zu antworten vermögen. Da ist etwa „unsere“ Schulkarriere, Berufslaufbahn, Arbeitstätigkeit, Familienstellung. Je mehr uns das nicht passt, je unbefriedigender „unser“ gesellschaftlichen und produktives Dasein, desto mehr weichen wir auf Konsum aus und benutzen die käuflichen Zeichen, um uns eine Schein- oder Fantasieidentität zu „konstituieren“.

Die Definition des Konsumismus zum universellen Lebensprinzip schließt von vorneherein eine kritische Betrachtung des Konsumismus aus: die Unfähigkeit mit den gesellschaftlichen und natürlichen Ressourcen zu haushalten; der Mangel an langfristigem Denken, das schwache Ich, das sich vom Lustprinzip beherrschen lässt, das Ignorieren von internationaler Ausbeutung und Naturzerstörung; das einsame Ich, das den Triumph von Moden und Produkten braucht, um sich Geltung zu verschaffen. Oder anders formuliert: Zu einer vernünftigen Identität gehört die rationale Aneignung der gesellschaftlichen Beziehungen, in denen wir leben und arbeiten.

16.9.07

BLOCH UND DIE MORAL

Mich durch einige Sachen von Bloch durchgelesen. Ich schätze ihn sehr, wie er die Geistesgeschichte nach ihren utopischen Überschüssen durchforscht. Dabei bin ich auf ein Interview über Moral gestoßen. Was wird er sagen, er der einmal Stalin verehrt und hoch gepriesen hat? Aber er enttäuscht. Wieder wird Stalin zitiert: „Der Überbau aktiviert den Unterbau.“ Ausgerechnet Stalin, der – wie H. Weber beschreibt – fast die ganze Arbeiterklasse von 1917 in der Sowjetunion ausgerottet hat. Heißt das, den „Unterbau“ „aktivieren“?
Ich frage mich, welches Verhältnis hatte denn Bloch zum empirischen Arbeiter, er der nach Klappentext „wie kaum ein anderer Autor unserer Zeit die Fähigkeit besitzt, ‚dem Volk aufs Maul zu schauen’“. Ich kann mich erinnern, 1974 – als dieses Interview (s.u.) geführt wurde – habe ich in der Chemieindustrie gearbeitet. Fast keine deutschen Arbeiter haben direkt in der Produktion gearbeitet, sie waren in der Regel Vorarbeiter, Meister usw., beschäftigt mit ihren Familien, Autos und Motorrädern. Die Arbeit wurde von Arbeitsemigranten gemacht – der Multikultikult war die Begleitmusik dazu. Ein Teil der Deutschen war im Kopf geprägt durch die Erlebnisse in Stalingrad, die Vertreibung aus Tschechien usw. Die meisten Arbeitsemigranten waren Türken und dabei, sich wieder zu islamisieren. Ich kann nicht erkennen, dass denen allen irgendeiner aufs Maul geschaut hätte, schon gar nicht Bloch.
Und das war nicht nur 1974 so. Wo spielt die empirische Arbeiterklasse bei Bloch eine Rolle? Die KP als Sprachrohr der Arbeiterklasse? Ich glaube, nicht einmal Bloch hat das geglaubt. Sicher, er befasst sich mit dem Kleinbürgertum und ihren rückwärtsgewandten Ideologien, aber mit den Arbeitern selber?
Jetzt zur Moral. Was sagt er auf die Frage, es gäbe Leute, die sagten die 68-er hätten hauptsächlich moralische Gründe für ihre Politik? Er könnte jetzt diese Kritik materialistisch aufnehmen, in dem Sinne, dass ein Unterschied zwischen Motiven aus materieller Lage und Erfahrung und moralischen Gründen bestehe. Aber nein – das erste ist nach ihm „Ökonomismus“ – und das zweite das scheinbar allein richtige. Denn auch Lenin hätte nur „moralische“ Motive gehabt. Hier hätte man Bloch doch etwas mehr Vertiefung in Nietzsches Kritik der Moral – ohne sie gleich zu akzeptieren – gewünscht, um hinter moralischen Phrasen etwas weniger wertvolle Motive zu vermuten. Wie kommt es, dass viele Teilnehmer der hochmoralischen Studentenbewegung man heute wiederfindet im akademischen Establishment, als Kriegstreiber, in Positionen, wo sie Tausende entlassen usw. usw.? Doch nicht, weil sie damals moralisch waren und heute nicht – sondern weil da in ihnen eine Kontinuität ist, und die Worte nur darüber wegtäuschen wollen.

Und so ist es auch bei Lenin. Er benutzt die Forderungen der Arbeiterklasse (und des Volkes: „Brot und Frieden“), um an die Macht zu gelangen. Eine „Modernisierung“ der SU wird mit allen Mitteln durchgesetzt, Tscheka, Lügen, Verbrechen, Arbeitslager. Hatten die Arbeiter dabei etwas zu sagen? Lenin hat die Grundlagen für das Wirken von Stalin geschaffen. Moralische Grenzen wurden durchbrochen, der Weg für einen gnadenlosen Massenmord freigemacht.
Nietzsche hat Moral auf den Willen zur Macht reduziert und als wahre Natur des Menschen glorifiziert, wie dubios dieser Begriff des Willens zur Macht auch immer sein mag. Aber Bloch mag diese aufdeckende Psychologie nicht. Adorno meinte in dem Zusammenhang einmal, Antipsychologismus wäre eine Eigenschaft der autoritären Persönlichkeit. Psychologie ist ihr deswegen so verhasst, weil sie auf individuelle Motive eingeht, also ein Individuum zulässt, das sich weder mit dem Gesagten noch der Gesellschaft deckt. Warum verweigert Bloch einen Blick auf die unfeinen Hintergründe der Leninschen Moral? Sicher, weil er sich mit dieser „Moral“ identifiziert – diese Moral, die von Revolution, Arbeiterklasse, Sozialismus spricht aber die Selbstherrlichkeit einer anderen Klasse als der der Arbeiterklasse meint. Eine Revolution der Worte also, die sich „moralisch“, d.h. selbstlos und sich aufopfernd für andere, die Gesellschaft usw. darstellen will.
Bloch identifiziert Moral in gewisser Weise mit Selbstlosigkeit, mit Aufopferung für die anderen, für ein gesellschaftlich Gutes – und stellt diese Moral den partikulären Eigeninteressen einer Klasse gegenüber. Die können seiner Meinung nach nur „ökonomische“ sein. Deswegen sein Verweis auf den Ökonomismus. Aber es ist nicht sinnvoll, dieses materielle Interesse dem moralischen entgegenzustellen. Eine materialistische Kritik der Moral würde vielmehr bezwecken, das materielle Interesse anzuerkennen und seine Realisierung in der Gesellschaft in eine balancierte Form zu bringen.
Bloch dagegen setzt der Moral den Nihilismus entgegen. Damit verhält er sich den moralischen Selbstbegründungen (und auch sich selber gegenüber) unkritisch.
Warum aber diese Anlehnung an Stalin und Lenin? Es ist die dem Intellektuellen zu Grunde liegende Erfahrung - und gleichzeitig ihre Verdrängung – gewissermaßen ein „Nichts“ zu sein. Durch Parteilichkeit mit diesen „Kräften“, will er die Bedeutung und Wirksamkeit seiner Gedanken unterstreichen.
Diese „Nichts“ - Erfahrung ernst zu nehmen, sie nicht mit falschen Identifikationen zu überspielen, durchzugehen durch die Depression und den Nihilismus, vielleicht wäre das ehrlicher gewesen, als das schöne Projekt Hoffnung. Vielleicht wäre es auch Anlass gewesen, sich mit dem wirklichen Arbeiter und seiner Situation zu beschäftigen.

„Rosa Luxemburg, Lenin und die Lehren oder Marxismus als Moral“ in: „Gespräche mit Ernst Bloch“, Hrsg. Rainer Traub und Harald Wieser, Ffm 1975.

13.9.07

ARBEITERAUTONOMIE STATT SOZIALSTAAT

Die Schwierigkeiten syndikalistischer Politik


In „Freitag 32“ formuliert J. Bischoff als Alternative zum neoliberalen Kapitalismus die Erwartung seiner sozialen Regulierung im Sinne des Sozialstaats, Bekämpfung der sozialen Ungleichheiten in der Einkommensverteilung, „langfristig ausgelegte Strukturpolitik“, „Herausbildung einer sozial und ökologisch verträglichen Lebensweise“, Entwicklung von Individualität sowie des Anspruchs auf Selbstbestimmung und Partizipation“ mit neuen Ansätzen indirekter Wirtschaftssteuerung und eines demokratischen Aufbruchs“ (in:
Freitag 32 - Über Zombies und Voodoo-Kult)


Das Hoffen auf den Sozialstaat erfolgt aus einer realistischen Sicht der Machtverhältnisse. Mit ihm ist es teilweise gelungen, Verteilung politisch zu organisieren. Autonome Arbeit ist keine Basis der Gesellschaft, vielmehr ist sie abhängig von Kapital, politischen Vorgaben, Bewegungen des Weltmarkts. Sie ist abhängige Arbeit und so erscheint es dem Bewusstsein. Folgerichtig orientiert sich also auch das menschliche Handeln daran und es wird gefragt: wie kann ich Geld verdienen, was muss ich dafür tun usw.? Es passt sich an die Gegebenheiten des Abhängig-Beschäftigt-Seins an. Autonomie beschränkt sich auf die Anpassung des Körpers, der Intelligenz an die vorgegebenen Ziele des Kapitals.


Freilich baut der Sozialstaat ein Rechtsverhältnis auf: Recht auf Gerechtigkeit, Arbeit, Unterhalt usw. Damit ist dieses homo homini lupus-Prinzip, das Wolfsprinzip unter den Menschen, abgelöst und rechtlich Solidarität ein Maßstab politischer Entscheidungen.
Weil aber die kapitalistische Grundstruktur der Produktion und Eigentumsverhältnisse weiter besteht, stehen ökonomische und soziale, politische Verhältnisse in Gegensatz zueinander. Das vom Staat ausgegebene Geld - zurzeit zwischen 45% und 50% - muss zuerst im „produktiven“, d.h. Profit erzeugenden privaten Sektor erwirtschaftet werden. Der vom Staat verwaltete und finanzierte Sektor ist zwar nicht „unproduktiv“ - garantiert er doch durch Bildung, Infrastruktur, Militär, Polizei, Gesundheit, sozialen Frieden usw. Bedingungen und Erweiterung der Profitproduktion – aber sein Geld bezieht er aus der Profitproduktion des privaten Sektors. Der eine Sektor lässt sich von dem anderen nicht trennen.
Länder mit einer geringen Staatsquote wie die USA (34%) oder Spanien (38%) erzwingen die Finanzierung dieser Leistungen entweder mit Mehrarbeit oder durch Vernachlässigung öffentlicher Strukturen, Verarmung.
Die „Sozialstaatsillusion“ will von dieser notwendigen Bedingung – etwa den Profit auf dem Weltmarkt gewinnen zu müssen - abstrahieren. Sie macht sich weder Gedanken um den Gebrauchswertcharakter der Produktion (Was wird hergestellt, mit welchen Mitteln und Ressourcen), noch um die sozialen Verhältnisse, wie dieser Profit produziert wird. Sie überlässt das dem privaten Sektor.

Dieser Sozialstaatspolitik steht die Idee der Produktion durch selbstbewusste Produzenten diametral gegenüber. Als eher traditionalistische Produktionsmoral steht sie in Gegensatz zu der Idee der Verteilung des „Reichtums“ durch soziale Wohlfahrt, der Schenkungsmentalität der Sozialarbeiter, Ideen von „Grundeinkommen“, Klage über Hartz IV und „Armuts“-Kampagnen.



Man wird aber sofort Einwände gegen diese Arbeiterautonomie erheben: Hat sie doch Voraussetzungen, die nicht mehr gegeben sind: Vollbeschäftigung in einem politisch kontrollierbaren nationalen Rahmen, Arbeitsteilung und Qualifikation auf gehobenem Facharbeiterniveau, Verwissenschaftlichung der Prozesse.
Dagegen ist heute der Markt internationalisiert, die Arbeit ist zerstückelt, die Einzelarbeit lässt keinen sinnvollen Bezug mehr zu einer Gesamtgesellschaft erkennen – ist nur individualisierter Lohn, während die produktive Kraft einer Gesellschaft sich in der Öffentlichkeit als Markenprodukt, ökonomische und technische Potenz von privaten Konzernen darstellt.
Die Deutschen mögen einer Umfrage zufolge vor allem Autofirmen, aber auch den Siemens-Konzern und die Discounter Aldi und Lidl.
Also das „Arbeiterbewusstsein“, das produktive Klassenbewusstsein ist untergraben von dem Bewusstsein der eigenen Schwäche, dem Gefühl der eigenen Ohnmacht einerseits und der Potenz und Kraft des Kapitals andererseits.
Im Gegensatz zu den „Aufbaujahren“ der Nachkriegszeit und ihren Mythen –tatsächlich läuft der Laden nur, wenn die Finanzierung gesichert ist und die Geldströme sich bewegen – scheint heute die Konjunktur von internationalen Finanzströmen abhängig zu sein, ganz und gar nicht von der Produktivität des Einzelnen, auch wenn der Einzelne trotzig vor sich hersagen mag: „Wer Arbeit will, bekommt auch eine.“

Welche Chancen bestehen unter solchen Umständen für eine sozialistische Perspektive?
Eine veränderte Gesellschaft, Sozialismus, Autonomie lassen sich nicht denken ohne produktionsbezogenes gesellschaftliches Bewusstsein. Also einen Produzenten, der sich als arbeitsteiliges Element einer Produktionsgesellschaft weiß, der die den natürlichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen seiner Produkte und Arbeit kennt, einer der sich beteiligt und mitverantwortlich sieht in dem, was er tut. Einer, der weiß, dass das, was er verbraucht, auch hergestellt werden muss, der darin zuerst eine zu erbringende produktive Leistung sieht, und nicht primär eine Geldfrage. Dieses Bewusstsein ist aber eines von Lernen und Erfahrung, von der Erfassung komplexer technischer Zusammenhänge, also von Schule, Erfahrung in Produktion und Ausbildung. (Das ist der Mittelklasse, insbesondere den Lehrern, völlig fremd und das kann sie überhaupt nicht vermitteln. Für sie ist Wissen Mittel der Differenzierung, mit dem die Individuen miteinander in Konkurrenz treten, mehr wissen als andere, - nicht das Teilen von produktivem Wissen und Erfahrung.)

Denkt man dieses Konzept weiter, stellt sich die Frage, wer und wo denn das bewusste und aktive Subjekt dieses idealen produktiven Gesamtarbeiters sein soll?
Auf der einen Seite ist dieses Subjekt nicht sichtbar, auf der anderen Seite wird eine menschliche Gesellschaft nur unter der Prämisse von Arbeiterautonomie und produktionsbezogenem Bewusstsein möglich sein. Die Idee des Sozialstaats, obwohl populär und für politische Parteien stimmenbringend, führt in die Irre. Einmal ist diese Bindung an die Notwendigkeiten der Profitproduktion, das andere ist die Zerstörung der Autonomie der Menschen, die Herr über ihre Lebensverhältnisse nur über den Schein von Größenfantasien über sich selber werden. Ich werde diesen heute stattfindenden Prozess der gesellschaftlichen Blasenbildung als Ersatz für Autonomie weiter unten beschreiben.


Was wären die Angriffspunkte dieses produktiven Gesamtarbeiters?
- die Betriebe, wo die Arbeit verteilt und Ausbildung organisiert wird
- die Gewerkschaften, die sich in diesem Prozess passiv verhalten
- die technischen Hochschulen, wo Art und Richtung der Produktion determiniert wird
- die Medien, die bestimmte Gesellschaftsbilder reproduzieren und autonom-produktive Ideen und Bilder blockieren
- Schulen, in denen die Selektion, Konformität und Hierarchie erzeugt und nur die Anpassung an zersplittertes arbeitsteiliges Wissen vorbereitet wird

Objekt des Angriffs wäre nicht primär der Staat, weil er nicht das Subjekt der Veränderung sein kann. Subjekt sind die (arbeitenden oder arbeitslosen) Menschen. Überhaupt stünde nicht der „Kampf“ im Vordergrund, sondern die Ausarbeitung produktiver Alternativen.


Soweit, so gut. Denkt man dieses syndikalistische Konzept von Arbeiterautonomie wie oben durch, springt aber zunächst die reale Verflochtenheit von Politik und Staat („Sozialstaat“) und Ökonomie ins Auge. Da gibt es diesen politischen Sektor, in dem Gesetze der Aneignung, der Macht, des Überredens, der Massenpsychologie, der Medienmaschinerie usw. usw. herrschen, - auf der anderen Seite den produktiven Sektor, wo einer brav, fleißig und intelligent vor sich hinarbeiten mag, aber doch abhängig ist von Entscheidungen verschiedenster Institutionen: Märkte, Investoren, staatlicher Interventionen in Form von Geldern oder Gesetzen.

Der gute Marx ist in seinen Grundtheoremen ja noch davon ausgegangen, dass es in der Ökonomie und der darauf aufbauenden Gesellschaft um materielle Reproduktion, also biologisches Überleben ginge. Aber das ist heute nur noch eine Funktion neben anderen. Denn schaut man sich die „Produkte“ an, um die es in der Produktion geht, sind das Dinge wie: Telekommunikation, Auto, Moden der verschiedensten Art – alles Dinge, die eine Fantasie befriedigen, aber kaum mehr mit körperlichen Bedürfnissen verbunden sind. Diese Fantasien ersetzen aber die alte Idee des selbstbewussten autonomen Produzenten.

Wenn jemand ein T-Shirt kauft und statt einer Massenware eines von Nike etc. kauft, um mit deren Logo zu posieren – und als unbezahlter Werbeträger zu fungieren - , dann befriedigt er etwa seine Fantasie, ein sportlicher Gewinner zu sein, so auszusehen wie die Werbebildchen, Qualität zu besitzen, wie es ihm die Mittelschicht der Aldiverächter einredet, aber die Funktion, seine Blöße zu bedecken und den Verlust von Körperwärme zu verhindern, erfüllt das billige T-Shirt genauso. Und seine Fantasie – „Individualität“ – hat ihn einen schönen Batzen gekostet. Ich schätze, dass ca. Zwei Drittel der Produktion Fantasieproduktion und Fantasiearbeit ist. Allerdings Fantasie, die das Profitsystem am Laufen hält. Und insofern höchst „real“ wird (mehr als das zu Fleisch gewordene Wort in der Bibel).

Gleichzeitig geht diese Fantasieproduktion eine Verbindung oder besser Vermischung ein mit dem „politischen“ und öffentlichen Sektor. Um zu etwas zu kommen, um ein gewünschtes Selbst zu entfalten oder zu realisieren, muss ich in eine gewisse Position kommen, mich mit einem gewissen Outfit – Kleidung, Dinge wie Auto, Haus etc. – ausstatten, zu einer gewissen Kaste gehören, an gewisse Geldströme mich ansaugen, an Profitströmen anschließen.
Dabei kommt es zu folgendem Paradox: Das materielle Überleben wird mit Hartz-IV abgesichert - also ohne Arbeit -, während die Fantasie – das was dem Leben im Kapitalismus seinen Pep gibt – über die „Arbeit“ realisiert und gespeist wird. Arbeit ist jetzt ein Glück, eine Gabe der Gesellschaft (wie es das Wort vom „Arbeitgeber“ ja schon immer nahe legen will) – und erscheint nicht als Mittel zur Ausbeutung. Man kann froh sein, Arbeit zu haben und ausgebeutet zu werden. Mit Arbeit kann man sich dann was „leisten“. Aber es ist nur noch am Rande mit materieller Reproduktion verbunden. In dem Sinne des biologischen Überlebens ist Arbeit überflüssig geworden.
Damit ist aber auch Arbeit als Grundlage von Klassenbewusstsein bedeutungslos geworden. „Politik“ spielt sich in ganz anderen Sphären ab, abseits nicht nur der klassischen linken Klientel – mal „Arbeiterklasse“ genannt (der Begriff ist heute nur noch ironisch verwendbar) – also in der Mittelschicht (Akademiker, Kirchenmenschen), auch ihr Maßstab hat sich vollkommen verändert. War linke Politik einmal gerichtet gegen materielle Verelendung, effektiver Produktion, Entfesselung de Produktivkräfte, die Überlegenheit des Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus, hat heute linke Politik darin keine positiven Ziele über Kapitalismus hinaus zu bieten. Schwerpunkt linker Politik wird die perfektere Einlösung der Versprechen des Sozialstaats. Darüber hinaus lebt sie von der ethnozentrischen Gruppenbildung, deren Schwerpunkt darin liegt, sich positiv von anderen Gruppen abzugrenzen. Es herrscht ein diffuses Bedürfnis nach Identität, nach Gemeinschaft, nach Aufbesserung von Selbstbewusstsein, was nur befriedigbar ist durch Konstruktionen von Gut und Böse („Antifaschismus“), Projektionen, apokalyptischen Visionen (Klimakatastrophe, Atomkrieg). Jeder Tote wird in irgendeine politisch verwertbare Konstruktion verwurstet. Alle politischen Gruppen bedienen sich solcher ethnozentrischer Taktiken. Um was es essentiell mal ging - die freie Assoziation autonomer Produzenten - zerfließt unter diesen Diskursen schon lange. Stattdessen geht es um Gruppenbildungen, Identitäten, gehobenes und beleidigtes Selbstbewusstsein.

Betrachtet man also die Bewegungen an der politischen Oberfläche, dann kann man einen selbstbewussten Gesamtarbeiter, der über Produkte und Produktionsprozesse autonom bestimmt, nicht erkennen.
Grundbedürfnisse befriedigt, Überleben gesichert, der Rest ist überflüssig? Reicht das nicht schon?
Trotzdem gibt es ein Leiden an der Gesellschaft. Zeigt nicht gerade die Fantasieproduktion dieses unbefriedigte Bedürfnis nach gesellschaftlicher Wirksamkeit wie es in dem konkurrenzorientierten Konsum- und Freizeitverhalten, bei Auto, Moden, Repräsentation usw. zum Ausdruck kommt? (Zu fragen wäre, inwieweit hier eine narzisstische Natur zum Ausdruck kommt oder inwiefern eine gerechte und demokratische Gesellschaft diesen Individualisierungs- und Fantasiezwang reduzieren könnte.) Dieses Thema ist m. E. nicht genügend behandelt.
Dieses Leiden an der Gesellschaft hat folgende Erscheinungsformen:
- die Erfahrung von Ungleichheit als Erfahrung von Über- und Unterlegenheit, der Sozialangst und des sozialen Rückzugs
- eine materielle Unsicherheit und berechtigte Angst vor der Zukunft. Denn auf die Dauer wird sich das heutige Niveau nicht halten lassen und die unteren Schichten werden als erste davon betroffen sein.
Aus diesem Leiden, diesen Ängsten – mehr wieder in der Fantasie und nicht dominant real – gibt es aber keine erkennbare Tendenz zu etwas gesellschaftlich Anderem. Als eher konservative Bedürfnisse verweisen sie auf die Aufrechterhaltung des Sozialstaats in der heutigen Form. Die, die manifest an der Gesellschaft leiden, gehören ohnehin zu denen, denen man öffentliche Rede und Auftreten vorenthält, - und schon das Schamgefühl verbietet es ihnen. Ich spüre es jedes Mal, wenn ich in Formularen nach meinem Beruf gefragt, „Arbeiter“ eintrage und habe das Gefühl, dass das schon ziemlich das Letzte ist, was man sein kann. Auch meine Angehörigen haben Probleme, darüber in ihrer Umgebung zu reden


Die wirklich notwendige Arbeit dürfte nur noch ein Drittel der insgesamt geleisteten Arbeit darstellen. Die „materielle Reproduktion“, d.h. die notwendige Arbeit, ist nicht mehr ein Anliegen der sozialistischen Politik, sondern ist zum Geschäft bürgerlicher Politiker geworden, der Agenten dessen, was man „Sozialstaat“ nennt.
Die objektive Krisenhaftigkeit und Labilität des Systems – man denke an die Folgen des 11ten Septembers, der Immobilienkrise in den USA – schlägt sich im Bewusstsein der Menschen als diffuse Angst und Unsicherheit nieder. Und genauso diffus und politisch manipulierbar sind die Reaktionen darauf. Je mehr den Menschen die Kontrolle über die gesellschaftlichen Verhältnisse entgleitet, desto irrationaler wird ihr Verhalten, desto mehr investieren sie in die Fantasieproduktion.

Wie Arbeitsdemokratie eine Idee und politisches Modell werden kann? - Oder soll man die Idee vergessen und eben das Schlimmste zu verhindern versuchen?
Auch wenn man jetzt die heutige Gesellschaft für noch erträglich hält, - sieht man ab von den unlösbaren Problemen mit der Ökologie, der notwendigen Ausbeutung anderer Völker, einer immer noch bedrohlichen ökonomischen Krisenhaftigkeit – ist sie letztlich immer noch weit entfernt von einem zwischenmenschlich akzeptablen, einem demokratischen und gerechten Zustand. Und für die, die an humanen Standards festhalten und denen die Profitzwangstrukturen der Gesellschaft bewusst sind, besteht eine moralische Pflicht, an die Realität hinter dem glänzenden Schleim und Schein zu erinnern. Was bedeutet, dass der Kern menschlicher Verhältnisse die Art und Weise der Arbeit ist.

30.8.07

ZIMBABWE

Von 82 bis 85 nach der Unabhängigkeit 80 war ich Lehrer im Busch in Zimbabwe. Im Rahmen einer Gruppe haben wir versucht „Education-with-Production“-Projekte aufzubauen. Überall wurden damals Sekundarschulen gebaut, mit internationalen Mitteln ausgerüstet. Curriculum in Science war gut landesangepasst, der übrige Fächerkanon, wie das ganze Schulsystem war untauglich für die Entwicklung des Landes, aber schien im Umbruch zu sein.
Die Anbindung des Landes an den Weltmarkt durch die weißen und multinationalen Commercial Farms mit Mais, Tabak, Weizen, Fleisch und die Mining-Industrie mit Edelmetallen, Kohle usw. war perfekt. Alles verhieß zwar eine ungerechte Zukunft, aber insgesamt doch prosperierende Entwicklung.
Schon Ende 82 mit den Morden im Matabeleland durch Armee und nordkoreanische Fifth Brigade war das Demokratiedefizit des Landes offenbar. Es zeigte sich, dass die von der ML-Zanu praktizierte Gewalt – von uns damals naiv als durch den rhodesischen Rassismus notwendig akzeptiert – zu schweren Geburtsfehlern geführt hat: statt Kompetenz schwarzer Nationalismus, parasitäre miteinander konkurrierende schwarze Eliten, deren Basis rhetorisch afrikanischer Populismus, aber materiell ökonomisch die Teilnahme an der Ausbeutung des Landes durch den Weltmarkt ist. Typisch etwa, dass keine schwarzen Ärzte auf dem Lande arbeiteten.
Uns waren die Bildungsziele der Schulen fragwürdig. Sie liefen auf „white-collar-jobs“ raus, trieben in den Sumpf der Eliten: Korruption und Alkohol. Einerseits versuchten wir das Beste draus zu machen: Statt unter 5% haben 25% den A-Level des britischen Systems geschafft. Aber was kam danach? Das Defizit von Entwicklungskonzeption versuchten wir durch ein paar magere Projekte zu stopfen: Gartenprodukte, Kaninchenhaltung, Nähen von Schuluniformen, Brotbäckerei, kleine Holzwerkstatt.
Die Entwicklungskonzepte folgten einmal der naiven Idee, dass das nächste Projekt der „Self-Reliance“ über ein handwerkliches Stadium hindurchgehen müsse. Das Problem des Landes ist aber dieser Gegensatz von Selbsterhaltungswirtschaft auf einfachstem Niveau und globalisiertem Markt andererseits. Das bedeutet Hybridsaatgut, Kunstdünger und Pestizide, eine teilweise gut ausgebaute Infrastruktur von Transport mit Weltmarktprodukten, Lohnarbeit, die von den Rhodesiern bei der Beherrschung des Landes aufgebaut worden war. Diese Rhodesier waren eher Pragmatiker als Rassisten, clever und erfindungsreich im Überleben, man hätte von ihnen viel lernen können.
Politische Konzeptionen wurden aber nicht entwickelt. Die schwarzen Eliten lebten im Biernebel und Konsumrausch, bis der Stoff ausging und Macht- und Verteilungskämpfe anfingen. Von Marx und Produktion hat diese idiotische leninistische Elite keine Ahnung. Die Befreiungskriegsveteranen waren hoffnungslos verbrannte Alkoholiker. Ein Neuaufbruch des Landes schien uns 86 unmöglich, zu geschlossen die schwarze Gesellschaft. Die Schule undurchsichtig geleitet, ständig wechselnde Rektoren, schlagende Lehrer in Vormachtstellung vor korrekten und ernsthaft bemühten Lehrern, sexuelle Abhängigkeiten von Schülern zu Lehrern, hohe Syphyllisraten bei Schülerinnen und Ausfälle betrunkener Veteranen ließen uns weitere Arbeit sinnlos erscheinen. Die kommende Katastrophe mit AIDS war noch nicht vorhersehbar.
Also zurück nach Deutschland, zuerst in der Hoffnung, Qualifikationen für einen weiteren Aufenthalt in Zimbabwe erwerben zu können. Eine Arbeit im Metallbereich für zwei Jahre. Aber es gab keine ernsthaften Diskussionen mehr. Tonangebend waren jetzt GTZ, DED mit ihren Jeeps und diese kleinbürgerlichen Eventabenteurer in der Dritten Welt. Am Ende war ich mit den Problemen der Existenz hier beschäftigt und nicht mehr mit denen von Zimbabwe. Was rückblickend bleibt sind unvergessliche Erlebnisse, intensive existenzielle Eindrücke, Erfahrung unmittelbarer Menschlichkeit und Gemeinschaft – Glück und Schönheit – und dann das Gefühl, an der Oberfläche geblieben zu sein: zuwenig Landessprache Shona, zuwenig materielle Erfahrung des Lebens als Bauer und Arbeiter dort - etwa 3 Jahre auf dem "Communal Land", den ehemaligen eingezäunten schwarzen „Reservaten“.
Dann brach die AIDS-Katastrophe über das Land. Die meisten unserer ehemaligen Schüler dürften tot sein. Um 2000 die neue Opposition gegen Mugabe und Zanu, dieses widersprüchliches Bündnis von liberalen Weißen und schwarzer Gewerkschaft, leicht ausbeutbar für den demagogischen Rassismus eines in die Ecke gedrängten Mugabe. Blind und destruktiv hat er dann zurückgeschlagen, mitbedingt auch durch die britische und amerikanische Politik: Zerschlagung der Commercial Farms. An sich ein sinnvolles Projekt, wenn darauf eine schwarze Autonomie bauen würde. Aber Mugabes parasitäre Ideologie des Antineokolonialismus und Leninismus ist dazu nicht in der Lage.

Inzwischen herrscht Faschismus im Land.

Die Menschen dort, etwa „
junge Frauen zwischen 15 und 28 Jahren, die sterben. Sie schleppen sich mit einem oder zwei kleinen Kindern, die noch gestillt werden, mit letzter Kraft ins Krankenhaus, um nach wenigen Tagen klaglos zu sterben.
Sie sterben „klaglos“.

Der maoistische Marxismus-Leninismus, bis 80 antikolonial, hat sich zu einer grauenerregenden Gangsterideologie entwickelt, die bereit ist, die Hälfte des Volks auszurotten. Mutasa: „we would be better off with 6 Million people only“. Aber das war wohl schon immer in dieser Ideologie enthalten („Alle Macht kommt aus den Gewehrläufen“). Die zimbabweanischen Befreiungskämpfer, die ich kennen gelernt habe, waren in ihrer sozialen Einstellung entweder parasitär, großsprecherisch, oft alkoholisiert, oder sie waren brutalisiert durch den „Befreiungskrieg“. Ein Teil der jungen Männer ist zu jedem Verbrechen fähig, ein anderer zum selbstlosen Einsatz. Nur fehlen ihnen Kenntnisse und Mittel. Was bei uns „ziviles Verhalten“ genannt wird – also dieser falsche Schein von und doch faktisch wirksamen „Sachlichkeit“, mit der man Probleme zunächst auf einer individuellen Ebene löst, ohne dabei andere Menschen in negativer Weise zu involvieren, sich von ihnen abhängig zu machen oder sie zu dominieren oder zu erpressen – das fehlt weitgehend in Afrika. Die Ebene der Politik, der sozialen Beziehungen ist dominant aber unproduktiv. Erfahrungen und Kenntnissen von Ökonomie, Technik und Produktion werden missachtet und nicht angeeignet. Der Kultursturz in die Warenproduktion hat die alten Balancen außer Kraft gesetzt. Es hat inzwischen keinen Sinn mehr, auf den Kolonialismus verweisen.

Zeigt sich in Zimbabwe die Zukunft eines Teils der Menschheit? Zimbabwe war bis 2000 weitgehend globalisiert. Internationale Agrarkonzerne und Mining Companies haben dem Land Devisen besorgt, die der weißen und schwarzen Elite ein Leben auf internationalem Standard erlaubt haben. Ich sage nicht „Bourgeoisie“, weil die weißen Farmer zwar Spezialisten in Ausbeutung von Land und schwarzer Arbeit waren, aber produktiv und erfinderisch, die Schicht der herrschenden Schwarzen sich zwar mit Accessoires einer ausbeuterischen Bourgeoisie schmückt – Anzug, Sprache, Luxus – aber im politischen und sozialen Verhalten unbeleckt ist von ökonomischen Kenntnissen und sozialer Moral. Das Verhalten der afrikanischen Staaten gegenüber Mugabe, insbesondere Südafrika, zeigt, wie Afrikas Zukunft aussehen wird.
Globalisierung wäre also die bessere Alternative zu dem jetzigen Zustand, in dem selbst die minimalen Überlebensmöglichkeiten zu Grunde gehen. Zimbabwe, so scheint es für die Außenstehenden – verlässliche Berichte aus dem Inneren jenseits der relativ Privilegierten gibt es nicht – überlebt nur noch auf niedrigstem Niveau – mit zahlreich Verhungernden – vermittels einer ärmlichen Selbsterhaltungswirtschaft auf dem Lande, oder durch den Schwarzmarkt, dessen Währung international – Rand, US-Dollar, Pfund – ist, besorgt durch etwas Rohstoffe und die Überweisungen der 3 Mio. Zimbabwer, die ausgewandert sind. Die herrschende Klasse, die die produktiven Grundlagen ihrer Existenz durch die Nationalisierung selbst zerstört hat, sahnt diesen Zufluss der internationalen Währung durch Inflation ab.
Neuerdings wird im Zusammenhang mit G 8 wieder kräftig Propaganda gemacht für Schuldenerlass, die gute Wirkung einer Liberalisierung des Handels mit Afrika. Wenn es eine Agrarprodukte hier billig importieren könnten, wäre ihnen auch geholfen. Diese Argumentation vergisst: die Einfuhren kommen in der Regel aus international finanzierten Großfarmen, wie es etwa in Zimbabwe der Fall war. Und selbst da wo Kleinbauern Exportprodukte etwa wie Baumwolle anbauen, um zu Cash zu kommen und damit etwa die Schulgebühren für ihre Kinder bezahlen zu können, kommt diese so erworbene internationale Währung nicht dem Land, sondern letztlich nur einer parasitären Elite zugute.
Eine der Losungen der zimbabweanischen „Revolution“ war „Self-Reliance“ – auf sich selber bauen. Als Volksbetrug und Selbsttäuschung vorgetragen von jenen Banditen, die sich heute an fremder Arbeit bereichern wollen.
Nichtsdestoweniger gilt diese Parole immer noch.

14.8.07

DIE LIEBE ZUR TECHNIK – AUTO

Mechanisierung des eigenen Selbst
Adorno schreibt in seiner Schrift „Erziehung nach Auschwitz“ („Eingriffe“ Ffm 69) von der Fetischisierung der Technik, der Liebe zu Apparaten. „Bei dem Typus, der zur Fetischisierung der Technik neigt, handelt es sich, schlicht gesagt, um Menschen, die nicht lieben können.“ (97) Adorno hat es nur andeutungsweise und unzureichend entwickelt. Implizit steckt in der Kritik ein unreflektierter christlich altruistischer und körperfeindlicher Moralismus. Die Beziehung zwischen Individuum und Maschinerie ist weitgehend unanalysiert, es ist ein Verhältnis von Verschmelzung, von Introjektion und Projektion. Jeder kennt das Gefühl, wenn unerwartet ein Gerät kaputt geht. Es kann sich seelisch anfühlen wie ein verletzter Körperteil, wie eine Kränkung des Selbstwertgefühls. Die uns umgebende Maschinerie ist ein Teil unseres Körpers und Selbstgefühls. Genauso wie die sichtbare soziale Umgebung, die unser soziales Selbstgefühl prägt.

Adorno geht davon aus, dass die Liebe, die in die Maschinchen investiert wird, aus dem sozialen Bereich herausgezogen wird. Sie wird zur narzisstischen Libido, Aggression und Kälte gegenüber anderen Menschen. Sie dient der Aufwertung des eigenen Selbst. Das geliebte Maschinchen wird zum Teil eines phantasierten Größenselbst.
Der Erforscher einer individuellen Geschichte kann mit solchen allgemeinen Theoremen nicht zufrieden sein. Die Frage wäre: wie lässt es sich unter anderen Voraussetzungen neu rekonstruieren, was da daneben gegangen ist. Welche Beziehungen und Erziehungsmuster erzeugen diese Entwicklung, wie kann sie wieder aufgebrochen werden? Oder wie Adorno sagt: „Wenn irgend etwas helfen kann gegen die Kälte als Bedingung des Unheils, dann die Einsicht in ihre eigenen Bedingungen und der Versuch, vorwegnehmend im individuellen Bereich diesen ihren Bedingungen entgegenzuarbeiten.“(99)

Das war 1966 – was ist tatsächlich in der Erziehung aufgearbeitet worden? Eine Demokratisierung von Schule und Erziehung hat nicht stattgefunden. Die kritische Theorie zu sehr verbunden mit der bürgerlichen Lebenspraxis hat es versäumt, radikale Forderungen im Bildungsbereich und betrieblichen Bereich zu stellen. Etwa: Demokratisierung der Schule, der Schulinhalte, Lehrer-, Stoffauswahl, Polytechnik, Projekte, Praxis. Im betrieblichen Bereich: demokratische Plattformen, veränderte Kommunikationsstrukturen, Diskussion der Gebrauchswertseite der Produktion, Weiterbildung usw. Das Beharren auf Negativität hat die Verhältnisse mitzementiert. Die kritische Theorie drückt zwar auf engste subjektivste Erfahrungen und Gedanken aus, Horkheimers philosophische Werke sind von luzider Klarheit, aber durch ihre mangelnde politische Konsequenz, der Angst, sich praktisch zu blamieren, ist sie politisch bedeutungslos geworden. Das Arbeiterleben war ihr auch fremd. Leicht wäre es, Ressentiments nachzuweisen.

In der kritischen Betrachtung mit der Liebe zur Maschine und Selbstmaschinisierung hat man sich zuwenig mit dem Auto auseinandergesetzt. Heute wären auch die Kommunikationsmedien Computer, Handy usw. zu diskutieren. Man stelle sich die kritische Theorie ohne den Autofahrer Horkheimer vor. Rad fahrende Theoretiker?! Bewegt sich der Geist nur im Kopf, nicht mit einem Körper?

Würde der Arbeiter nicht Auto fahren, müsste er wandern, laufen, Rad fahren. Welches anderes Erfahrungsfeld als gradlinige Autobahnen, Verkehrskanäle, Schwimmen im Strom. Eine andere Erfahrung von Natur und Landschaft.

Sport ist historisch Sache von Angestellten, die aus der Arbeitertradition körperlicher Betätigung kommen. Gegen den Muskelkult des Proletariers setzen sie ihre körperliche Leistungsfähigkeit. Es hat Wehr- und Konkurrenzcharakter. Will Dominanz zeigen, überlegenen Geist und Körper, Anstrengungsfähigkeit, Disziplin, auch Kampfbereitschaft. Der Körperkult des Proleten wird aber nachhaltiger noch zerstört durch die Maschine, ihre Kraft, Zuverlässigkeit und Präzision.
Am Ende der Entwicklung muss der Arbeiter seine Unterlegenheit anerkennen und die Überlegenheit der Maschine. Sie wird ihm immer wieder zur Konkurrenz, gerät außer seiner Kontrolle, macht ihn arbeitslos und droht ihn, irgendwann überflüssig zu machen.
Die kontrollierbaren Maschinen sind zunächst eher Ausnahmen. Bei der Arbeit dominierten zunächst die mechanisch herrschenden Maschinen, die rücksichtslos bedient werden wollten, bei Fehlern oft mit tödlichen Konsequenzen drohend. Durch die Computerisierung der Maschinerie sind diese heute „aufmerksamer“ geworden, reagieren auf Fehler des Personals, sind in ihrem Verlauf beeinflussbarer geworden.

Wenn ich zur Arbeit fahre- mit dem Rad -, schwingt bei mir immer eine Grundangst vor irgendwelchen überraschenden Veränderungen - Unfall eingeschlossen. Bei der Maschine, um die sich die ganze Firma dreht, habe ich aber eher ein gutes Gefühl. Sie macht ihre Fehler, hat ihre Störungen, aber das macht sie geradezu menschlich. Ein paar Mausklicks und das Ding läuft wieder. Man kann sie stoppen, beeinflussen, aber im Großen und Ganzen ist sie zuverlässig. Ökologisch ist sie allen anderen Verfahren weit überlegen. – Auf der anderen Seite sind mir ihre ganzen Verdrahtungen, Programme undurchschaubar. Mit der Wartung der mechanischen und elektrischen Teile ist ein Mechatroniker beschäftigt. Mein Vater musste sich mit seinen Maschinen noch weitgehend allein herumschlagen, wenn auch auf einfachem handwerklichen Nivea; oft kam er verärgert nach Hause. Ich dagegen genieße meine Kontrolle über die Maschine. am Band allerdings - am Ende der Maschine - hetze ich zeitweise - froh, wenn Schluss ist. Anders beim Beschicken der Maschine.
Ich empfinde es als wohltuend, mit der Maschine, statt mit meinen Kollegen umgehen zu müssen. Eine Menge Streit ist erspart. Der objektive sachliche Verlauf des Prozesses erübrigt Auseinandersetzungen, Dominanz- und Konkurrenzkämpfe.

Aber der Vorgang der Anpassung an die Maschine ist ein Akt der Mimikry oder eine Art von Identifikation mit einem überlegenen Aggressor, würde Adorno sagen. Um nicht im Kränkungsgefühl leben zu müssen, von einer unmenschlichen Macht beherrscht zu werden, gleicht man sich ihr an, tut so, also würde man sie beherrschen. Der Druck, das Tempo, kommt allerdings nicht unbedingt von der modernen Maschinerie, sondern von außen, dem Verwertungszwang, den Chefs, der Ökonomie.

Adorno hatte eine sehr körperdistanzierte Einstellung. Im Sport sah er vor allem die Gewalt. Eine körperliche Leistungsfähigkeit war verbunden mit dem Verwertungsinteresse des Kapitals, als Freizeitleistung Reproduktion dessen mit falscher Ideologie. Nun ist aber der Mensch ein körperliches Wesen, zu dessen Naturcharakter der Bewegungsdrang gehört und zu dessen Reproduktionsbedingungen Arbeit, d.h. körperliche Arbeit gehört. Die Menschen erleben sich als im Arbeitende als unvollkommen und defizitär aktiv. Deswegen treiben sie Sport. Gleichzeitig tendiert der Sport zu einer Verabsolutierung von Kraft und Größe: sinnlose Leistungen, erzeugt mit biologischer Optimierung, Doping, Marketing usw. Die Gewalt der Maschine und die Verwandlung in sie wird zu einem Ideal. Die Menschen im Sport bewegen sich zwischen Bewunderung und Bewundertwerden. Religiöse Haltungen werden reproduziert und Geldströme in Gang gesetzt. Im Zentrum steht der mit narzisstischer Libido besetzte Mensch, sei es als Idol oder als sich überlegen fühlender Aktiver. Es besteht keine Gleichheit zu ihm. Die Identifikation mit dem Helden will an seiner Überlegenheit partizipieren. Bestenfalls mag das kindliche Bedürfnis, geliebt zu werden, menschlich erscheinen.
Der aktive Breitensportler mag sich zwar im Umfeld dieser Momente bewegen, aber die Differenz ist der Unterschied zwischen Identifikation und Aktivität. Außerdem muss die positive Besetzung des eigenen Körpers, nicht die fantastisch übermäßige, eine positive zu anderen Menschen nicht ausschließen. Vielleicht ist sie sogar Voraussetzung.
Für den körperlich arbeitenden Menschen, gleichgültig ob er Teil eines lebendigen menschlichen Gemeinschaft ist, oder nur mechanisierter Teil der Maschinerie, ist die körperliche Aktivität ein Erlebnis von Anstrengung und Erfolg, Unlust und Lust. Die körperliche Erfahrung ist eine naturnotwendige und sie will gestaltet werden. Der Umgang mit Technik und die körperliche Arbeit sind Teil einer Autonomie auch in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, genauso wie der sportliche oder künstlerische Umgang mit dem eigenen Körper. Der Intelligenzkult glaubt ohne Körper auskommen zu können.
Die Kohle- und später Öl-Ökonomie hat den Anteil menschlicher Muskulatur und der im Vergleich zur intelligenten Maschine ineffizienten Intelligenz mehr und mehr überflüssig gemacht. Die Aufmerksamkeit des Menschen hat sich von seiner eigenen Aktivität in seine Sinnlichkeit, Sinnesorgane und Intelligenz verlegt. Der Körper verliert seinen aktiven motorischen Charakter, wenn es auch Revivals dessen im Ausdauersport geben mag, und wird zum ästhetischen Produkt für die Präsentation vor anderen durch Bodybuilding, -styling usw.

Das Auto
- spiegelt den Produktionsprozess, aus der unkontrollierbaren kapitalistischen Maschine wird die aktiv genutzte, der Fahrer darf sich im falschen Bewusstsein als Herr seiner Lebensbedingungen verstehen. In Wirklichkeit macht er sich dadurch umso abhängiger. Für sein Freiheitsbewusstsein im Zirkulationsbereich, in der Freizeit, wird er umso härter eingespannt in der Produktion. Der Zeitgewinn durch das Auto geht durch die Mehrarbeit verloren.
- spiegelt einen technisch individualisierten Wunschtraum, den des perpetuum mobile. Eine falsche Utopie von den geistig Arbeitenden als Mittel zur Entwertung von Arbeitskraft benutzt: körperliche Arbeit ist nur eine historisches Überbleibsel, antikes Relikt für defizitäre Existenzen: „Bildungsferne“ und „Minderbegabte“. Dazu gehören auch die Utopien von Atomkraft, den üppig sprudelnden Quellen der Solarkraft etc.
- ist ein Ausdruck gesellschaftlicher Konkurrenzfähigkeit und zugleich Partizipation an gesellschaftlicher Dominanz und Ausübung von Gewalt, sei es mit Lärm, Flächenverbrauch oder Körperverletzung. Wer keines hat, ist nicht wirklich ernst zu nehmen. In den Zügen sitzen die Behinderten, „sozial Schwache“, shoppende Jugendliche, Auszubildende, Ältere, Exzentrische. Gleichzeitig werden nicht nur die Ressourcen der Welt ausgebeutet, sondern alle jene in Nachteil gesetzt, die militärisch und ökonomisch hinterher sind.
- überdeckt das hässliche und demütigende Bild des unterworfenen, sich anstrengenden, vielleicht schwitzenden Arbeiters. Wer kein Auto hat, der schleppt, der geht, muss eventuell rennen. Im Auto ist der Mensch Herr. Er wird nicht kommandiert, sondern gibt die Kommandos.
- Beim Autofahrer wird hinter dem homo oeconomicus ein anderer Menschentyp sichtbar: der motorisch imponierende, der dafür keine Kosten scheut. Verstand und Vernunft sind weitgehend außer Kraft gesetzt, ökologische, humane, finanzielle Maßstäbe gelten nicht mehr. Es gilt die Herrschaft von drängenden Impulsen: das Image, der Bewegungsdrang, die Konkurrenz usw. Im vernünftigen Lichte betrachtet ließen sie sich nicht durchsetzen. Aber der individualisierte Mensch bedarf keiner vernünftigen Reflexion; es reicht, wenn er etwas will. Die so vollzogene
Dissozialität hat kollektives Niveau.

Mit dem Ende einer Ölökonomie gäbe es die Möglichkeit einer aktiven Gestaltung der Zukunft: Bescheidenheit, Sparsamkeit, Kombination von geistiger und körperlicher Arbeit, neue intelligente Technologien, alternative Technik usw. – Ist natürlich Pustekuchen. Stattdessen werden die reichen „Nationen“ ihre Energie aus der Sklavenarbeit der Dritten Welt gewinnen: Biosprit aus Brasilien, Biogas in Europa mit Verknappung der internationalen Lebensmittelressourcen für die „Unterentwickelten“ – das europäische Vieh wird mit ihren Lebensmitteln gefüttert. Die barbarisch geförderte chinesische Kohle ist jetzt ja schon der Grundlage vieler europäischer und amerikanischer Produkte. Die körperliche Arbeit jetzt schon weitgehend in den „Händen“ der Immigranten wird in Billiglohnländer übertragen. Bis die vielleicht eines Tages entdecken, dass sie so dumm auch nicht sind.

11.8.07

IG METALL AUSWEGLOS VERSTRICKT

Die IG Metall galt in den 60er-Jahren als Bastion der Linken, unterstützte den SDS finanziell. Heute ist sie durch ihre Exportkraft – 45% aller Autos werden exportiert, 10 % der Gesamtexporte -, die durch sie gebildete Arbeiterhierarchie, die ihre umweltkriminellen Produkte zum Zentrum der Korruption geworden. Kein Zufall die VW-Betriebsratsaffäre, Steinkühler im Korruptionskartell, und Riester als einer der höchst nebenverdienenden Bundestagsabgeordneten. Die Arbeiter bei Opel, VW, Mercedes stehen zwar unter Druck, aber im Verhältnis zu denen der Zulieferer, sind sie privilegiert. Alte Geschichte und noch kein Grund zu jammern. Doch es geht um die öffentliche Bilder, die daraus produziert werden: der Arbeiter, der Malocher am Band, der Autos produziert, der ganze Käse von Monotonie, kleine private Ecken, gruselige Arbeitsromantik. Arbeiterelite. De facto ein verfettetes und sprachunfähiges Klientel, Objekt ihrer Patrone von Gewerkschaften und Betriebsräten. Bodenhaltung. Pfeifen und Sprüche beklatschen.
Mit dem Autokult wird Politik gemacht: freie Fahrt für freie Bürger. Umwelt, Vernunft, Ökonomie interessiert nicht. Der Globalisierungsgewinn Deutschlands beruht zum größten Teil auf dieser Autoindustrie, ohne dass die IG Metal dazu Distanz erkennen lässt. Es wird ihr nie in den Sinn kommen. Lieber Indianerprojekte im brasilianischen Regenwald.
Das Auto ein Teil der 68er-Bewegung, die Bürofraktion des SDS, die im Mercedes rumfährt, diese Idioten von Entebbe, Corbuccifans. Später die Motorräder. Welchen revolutionären Gehalt hat das gehabt? Power, Bewegung, Schlägerei, Randale, „Widerstand“, Knarre? Auto als Basis sexueller Potenz und Beziehungen, Unterstreichung revolutionärer Phraseologie?

Man stelle sich vor: die Arbeiter auf dem Weg zur Arbeit in Bus, Bahn und Straßenbahn. Dieses Erlebnis von individueller Unterordnung und kollektiver Ohnmacht gegenüber Fahrplänen, Fahrzeugführern und Zeitverbrauch. Das Leben würde vielleicht einen Sinn verlieren, vielleicht aber einen anderen sich suchen müssen.
Man muss das Auto innerhalb der faschistischen Geschichte erfassen. Da dürfen sich die Arbeiter bis 1914 als geistig und körperlich Arbeitende verstehen, als Subjekte eines produktiven Prozesses und sie machen endlich – nach vielen Kompromissen – die Revolution 1918. Dann werden sie politisch und ökonomisch zermürbt durch die deutsche Rechte, die Inflation, Weltwirtschaftskrise. Der Faschismus richtet den geschundenen Arbeiterkörper wieder auf durch seine Paraden, den Massensport, die Militarisierung, Perspektiven einer umfassenden Motorisierung, die Militärtechnologie, das arme Ich bekommt Gewehr, Krad und Panzer. Am Ende des Krieges physisch und moralisch zerstörte Männer. Der Aufbau geht in die Wiederherstellung des beschädigten Arbeiters, zuerst das Fressen, dann das Auto. Sein Panzer ersetzt den faschistischen Charakterpanzer, lässt darunter individuelle Freiheiten zu, ersetzt aber auch die beschädigte Identität, tröstet weg über Bedeutungslosigkeit, Ohnmacht. Die gesellschaftliche Gewalt im Faschismus nur identifikatorisch angeeignet, wird im Auto zur real vollziehbaren. Die Zahl der Toten könnte der eines Bürgerkriegs entsprechen.
Unkontrollierte Triebimpulse, ein phantasiertes Selbstbild – wie sie im Autofahren durchscheinen – gehören eher zu Pubertierenden. Sie werden von der Werbung gerne bedient: der Adler, der Tiger usw. - Ein Reifeprozess ist nicht abgeschlossen, Grenzen werden nicht erkannt: Ein Leben auf einer Ausbeutung fremder Energiequellen ist langfristig unmöglich und unehrlich, eine vorübergehende Show. Konkurrenz ist keine soziale Lebensform erwachsener Menschen, aber ein Existenzzwang in einer Gesellschaft, in der potentiell alles bedroht ist.
Derzeit betreibt die Gewerkschaft der Lokomotivführer, angeführt von einem Autonarr Schell, zusammen mit den neoliberalen Privatisierern die Zerstörung des öffentlichen Verkehrs. Ein objektivierend schwätzender O. Negt
kommentiert das anscheinend kenntnisreich, ohne auf diesen Prozess der Zerstörung von Öffentlichkeit auch nur mit einem Wort Bezug zu nehmen.

7.8.07

R. Hilberg, Arendt und Moral


Wenn man die deutschen Nachrufe auf seinen Tod liest, so muss er für die Deutschen ein sehr angenehmer Holocaustforscher gewesen sein. Sein österreichischer Akzent, diese Betonung der Bürokratie, die Ableitung aus den Akten, nicht aus den perversen Gefühlen abscheulicher Deutscher.
Und mit Hannah Arendt dürfen sich die Deutschen mit ihrer Banalität entschuldigen lassen.
Da waren die Fahrpläne, an die sich die Zugführer in ihrer Pflichterfüllung gehalten haben, - der Holocaust war nicht von an Anfang an gewollt, es hat sich ergeben. Das Böse hat kein Gesicht, es kann das Gesicht jedes Menschen annehmen.
Zu Recht und Unrecht ist dagegen Kritik formuliert worden. In der Bürokratie macht jeder seinen Job, wie von oben verlangt, rational ohne menschlich missleitende Gefühle. Es ist eine der von Elias so gelobten Zivilisationserrungenschaft. Ohne diese Bürokratie wäre eine modern funktionierende Gesellschaft nicht denkbar.
Doch hätte hier die Kritik Hilbergs offensiv weitergehen sollen. Seine Kritik oder Ratlosigkeit hat in der Kühle der Analyse, einer leichten Ironie negativ durchgescheint.
Die Bürokratie setzt das Funktionieren der Individuen und ihre Unterwerfungsbereitschaft darunter voraus, wie sie die Bomberflieger in der Flugzeugkanzel, die Lokomotivführer, die Ersteigerer, die Schnäppchenmacher, die Autofahrer besitzen. Um in diesen Status der Unmenschlichkeit, der sozialen Maschinerie und Mechanik anzukommen, gibt es in jedem Leben eine Geschichte. Eine Geschichte des Abbruchs von Gefühlen für andere Menschen.Diese Geschichte zu schreiben, vielleicht eine kollektive deutsche, wäre vielleicht relevanter als die einer von Faschisten benutzten Bürokratie.

31.7.07

Ponto vor 30 Jahren

Gestern wieder mal Erinnerungstag. Ich muss aus dem schmierigen Geschreibe von Th. Schmidt zitieren: „Tragik …nüchtern, prinzipienfest und freiheitlich …ruhige Bürgerlichkeit…Selbstaufklärung…kollegial…unauffällig…klassischer Liberaler…Kant …(einer der) Architekten des besten deutschen Staats, den es je auf deutschem Boden gab.“
Da ist die Bürgerlichkeit der Neuen Linken auf ihren dümmsten Begriff bekommen, personifiziert mit postmodernem Zombiegesicht, Fett und Krawatte. Kein Bruch, keine Ambivalenz, widerspruchsfrei. Journalismus als Begleitschmiere für die Kapitalvermehrung, angelegt schon in der „Autonomie“.

Am Abend erschöpft ans TV. Eine 3sat-Diskussion von 4 deutschen Kulturrepräsentanten, die irgendwelche dummen Klischees über die 68er zusammensuchen. Ekelhaft.

Dann eine der voyeuristischen Schulddiskussionen im Hessischen Fernsehen mit Plottnitz, Astrid Proll, H.J.Klein. Ein paar wenige empirische Lichtblicke. Aber mit Moderatoren, die überheblich ohne jeden Einblick in die Ambivalenz der Sache moralisieren. Die Raf ein abgehaktes Verbrechen. Das Publikum schaut blöde drein und hat mit seinem Konsumniveau kein Problem, ganze Völker indifferent verrecken zu lassen.
Die Raf, primär eine konkurrierende Fraktion der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihrer dramatisierenden Eitelkeit, hatte dagegen doch proletarische Züge: da waren die befreiten Erziehungsheime, die gewalttätige Wut, die jeder kennt, der an die Klassenfront gerät. Die von ihr verursachten Tode und Selbstmorde, haben nur die Erstarrtheit der Verhältnisse reproduziert, nicht neue Möglichkeiten geschaffen. Aber im Negativen haben sie vielleicht mehr Wahrheit als das Gesülze equilibrierter Persönlichkeiten.
Fett soll teurer werden. Wir da unten werden unsere Gürtel enger schnallen müssen. Es wird uns gut tun.

30.7.07

MARX


Auf einer Durchreise durch Trier lasse ich mich am Marxhaus fotografieren. Mir kommen dabei Bedenken. Zwar habe ich 69 – 73 mit Eifer „Kapital“ studiert, mir die Weltsicht durch die Wertformanalyse des ersten Kapitels revolutionieren lassen, mich bis zu den Zusammenbruchsdiskussionen von Luxemburg, Grossmann, Lenin, Mattick durchgeschlagen, doch mit dem politischen Marx habe ich meine Probleme. Wenn ich mir Trier ansehe, fühle ich mich bestätigt. Der junge Marx wächst in dieser von Industrie und Proletariat unbeleckten Kleinstadt auf, als konvertierter Protestant in katholischem Milieu, d.h. als preußische Elite. Orientiert sich wohl durch die Geschichte des Ortes an die Bewegungen der Politik und Macht. Da sind die Soldatenkaiser der Römer, die französische Revolution, die Trier kassiert, das preußische Reich mit seinen linksrheinischen Gebieten. Das Haus der Marxens in bester Lage nahe bei der Porta Nigra. Der Vater ein Justizrat, die künftige Frau eine Adlige. Und später in Bonn, Berlin, Jena usw. eine Abfolge von Ideendiskussionen ohne proletarische Erfahrung. Stattdessen dieser Hang zum Doktrinären, natürlich unterbaut mit einer kategorialen Kraft, die das Denken revolutioniert, in Bann schlägt. Aber die Arbeiterbewegung zur Frage der Wahrheit zu machen, der Philosophie, der doktrinären Diskussion, der Intelligenz, das hat sie falsch politisiert und ihrer Basis entfremdet, bis hin zum Staatssozialismus, einer konsequenten Folge von Verbrechen.
Die Schiene ist angelegt mit „Diktatur des Proletariats“, der Gewalt als Geburtshelferin der Revolution, der Vagheit der Begriffe, etwa der von einer „Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“.
Was fehlt? Eine Verwurzelung in der arbeitenden Klasse, ein Gefühl für ihre Lage, ihr Denken, ihre inneren Widersprüche, ihre Bedürfnisse, Ängste, Orientierungen. Stattdessen das Denken eines moralisierenden Pfaffen und Richters, nicht weit weg vom Henker. Der moralischen und rationalen Weltsicht fehlt die subjektive Seite, die nach Überleben verlangt, faulen Kompromissen, gebunden ist an Herkunft und Tradition, Angehörigen, sozialen Bedürfnissen, - kollektiv-mystisch statt individuell-rational denkt, diese dubiose Innerlichkeit und vieles mehr, was die Bewegung auf etwas Besseres genauso schwierig wie sinnvoll macht. Man muss diesen „Sumpf“ nicht vorbehaltlos akzeptieren, aber kennen und begreifen und in Bewegung bringen.
Schaut man sich Trier heute an, bleibt von der Geschichte der proletarischen Revolution nur noch ein gigantischer Warenstrom, an den die Menschen um jeden Preis angeschlossen werden wollen, so öde und kanalisiert wie die Mosel, aufgeputzt von Boutiquen, hübschen historischen Relikten - Mittelschichtskacke. Eine Gruppe von Chinesen mit Einkaufstüten von Kaufhof zieht an den Kaiserthermen vorbei.

22.7.07

TEILZEITBESCHÄFTIGTE VERDIENEN DEUTLICH WENIGER

"Der durchschnittliche Bruttostundenverdienst Teilzeitbeschäftigter im Produzierenden Gewerbe und im Dienstleistungsbereich lag im ersten Vierteljahr 2007 mit 13,92 Euro deutlich unter dem der Vollzeitbeschäftigten mit 18,67 Euro."Quelle: Statistisches Bundesamt

Mein Stundenlohn mit allen Zulagen (Urlaub, Weihnachten, Schmutz) 11,95 €.
Im Reinigungsdienst meiner Firma werden nur Halbzeitkräfte eingestellt.
Wenn ich nach meiner „Halbzeit“ nach Hause komme, bin ich geschafft. Eine Vollzeit kann man nur durchhalten, wenn man der Arbeit systematisch aus dem Weg geht.
Der Bruttodurchschnitt abhängig Beschäftigter liegt bei 3 148 €. Ich komme – also anstrengende Arbeit bei Hitze und Schmutz – auf Brutto ca. 1 000 €.
Danke für diese Information.
Das Geld, das ich bekomme, reicht. Es geht darum, dass das der Besserverdienenden gekürzt wird. Ein menschlicher Sozialismus ist nur als ein materiell bescheidener, aber kulturell reicher denkbar.
So 73 hat eine (Mittelschicht-)Linke gemeint, Sozialismus wäre, wenn es allen so ginge, wie etwa ihrer Schicht. Ich fand das - aus bescheidenen Verhältnissen kommend - schon merkwürdig. Was der Mensch braucht, ist doch nicht dieser Konsumshit, sondern: Natur, Musik, historische Erfahrung, Literatur, Philosophie, Verständnis für sich und andere, sich Einlassen auf andere Menschen und die Grenzen seiner Existenz.

CHRISTENTUM UND INDIVIDUALISIERUNG

Die Rolle des Christentums und des Opfers in der Geschichte der Individualisierung
War Jesus ein Individualisierer?

Ist nicht die Vorstellung eines einzigen Gottes, der Monotheismus, das Vorbild und die Grundlage für die Idee des modernen Individuums?
Schaut man sich die Geschichte der letzten 2000 Jahre an, könnte man auf die Idee kommen, dass die heute ins Extrem gesteigerte Individualisierung – Symptome wären zu benennen – ihren Anfang nahm im Gebet des Individuums zu Gott. Und ist doch die Bibel voll mit nonkonformen Individuen, den Propheten, die aus der Reihe tanzen, das Volk anklagen, ihm nicht nach dem Munde reden, es vielmehr zur Bekehrung, zur Wende, zur Reue auffordern.
Der moderne Individualismus stellt sich dar als die immer größer werdende Entscheidungsfreiheit des Einzelnen gegenüber einem Kollektiv: Konsumfreiheit, Glaubensfreiheit, Berufsfreiheit, Vertragsfreiheit. Seine gesellschaftliche Bindung und Verpflichtung reduziert sich auf die Einhaltung staatlicher Gebote und Verbote, auf die Einhaltung zivilrechtlicher Verträge. Während auf der einen Seite die Freiheit des Individuums wächst, vermehrt sich gesellschaftlich gesehen aber auch seine Ohnmacht. Die Gesellschaft desintegriert sich in Schichten, Gruppen – Pluralismus verschiedener Werte. Paradoxerweise wird von Individualisierung gesprochen in einer Zeit, in der immer mehr alle mit allen verbunden sind und die gesellschaftliche Integration in den Arbeitsprozessen immer höher organisiert ist.

Denkt man weiter darüber nach, wie es zu dieser Individualisierung gekommen ist, wird man zur Ursprungsgeschichte der Individualisierung gelenkt, dem Verzicht des biblischen Gottes auf das Menschenopfer bei Abraham und Isaak. Ich halte das für den entscheidenden Bruch. Die Menschheit hat sich damit freilich ein Doppeltes eingehandelt: einerseits die Garantie auf körperliche Unversehrtheit des Individuums, das nun sich selber frei zur Verfügung steht und nicht mehr nur Gottes Eigentum ist, andererseits die Ablösung der physisch-körperlichen Gottesbindung durch Opfergaben; der Widder tritt an die Stelle Isaaks. Das ist nichts anders als die Einführung des Tauschverkehrs in das religiöse Verhältnis. Individuum und Geld, Individuum und Privateigentum gehören zusammen. (Noch hat es nicht die Form von Kapital und Mehrarbeit angenommen). Ein Individuum existiert erst mit seiner Freiheit, dem Eigentum an sich selber. Dazu braucht es aber des gesellschaftlichen Besitzverhältnisses an Dingen. Die jüdische Religion inszeniert mit Gott ein Tauschverhältnis, das zwanghaft an bestimmte Rituale und Opfergaben gebunden ist. Ebenso die römische Religion und Staatsideologie des „Do ut des“ – geben, um zu bekommen -, die von Ritualien oft so oft Wiederholungen verlangte, bis sie endlich fehlerfrei vollzogen waren und so die Gunst der Götter erwarten ließen.
Welche Rolle spielt da nun Jesus, der sich ja wieder physisch-körperlich opfert? Es gibt zahllose theologische Spitzfindigkeiten, um diesem scheinbaren Unsinn einen Sinn zu geben. Sie interessieren mich hier nicht.
Ich rekurriere stattdessen auf Marx, der sagt, dass die entfremdeten gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen ihnen nun in der Warengesellschaft vermittels der Ware - bzw. der allgemeinen Ware Geld - erscheinen als Beziehungen zwischen Dingen (Ware = Geld = Ware = Arbeitskraft = Lohn usw.). Für Marx ist das eine Wirklichkeitsverfälschung, die in sich das dialektische Gesetz hat, dass immer wieder die ursprünglichen menschlichen Beziehungsverhältnisse daraus hervorbrechen, wenn auch verzerrt etwa als Klassendiktatur, Fabrikfaschismus. Aber auch schon immer jenseits der Tauschverhältnisse als Liebe zwischen Menschen und eben auf einer allgemeinen Ebene der Religion – sei diese falsch oder nicht. Das heißt der Individualismus, der in sich eine entfremdete verdinglichte Erscheinungsform von Beziehungen ist, hat die Tendenz, immer wieder zu zerbrechen und sich in Beziehungsverhältnisse anderer Art jenseits der Tausch- und Eigentums- und Identitätsverhältnisse zurückzubilden. Neutraler wäre der Ausdruck: „sich wegzuentwickeln“.
Das ist der Fall bei Jesus. Er verlangt bedingungslosen Gehorsam für einen Gott (der nur noch durch Schriften präsent ist). Er will diesen Makel des Menschen, seine „Bedingtheit“ (im Eigentum) und Begrenztheit (individuelle Sterblichkeit) wieder zu Gunsten einer großen Familie („werdet wie die Kinder“, „Gotteskinder“) im ewigen Leben auflösen. Dafür muss er aber – um sich zum Eigentum und Sklaven Gottes zu machen (Paulus, Römer 6) – diesen Pakt Gottes mit Abraham wieder rückgängig machen. Also die Tauschverhältnisse, wie sie im Opfer von Tieren etc. enthalten sind, werden wieder auf das Menschenopfer, Sklavenverhältnisse und familiäre Verhältnisse zurückgeführt. Es geht nicht darum, das zu denunzieren. Es waren die Beziehungen, die Zugehörigkeit oder Verbundenheit ermöglichten. Sucht man den Kern der Lehre von Jesus, so ist es die Erzeugung menschlicher Zugehörigkeit. Die „Bindung“ oder „Zugehörigkeit“ ist aber da, wo sie nicht begreiflich erfolgt, immer das Einfallstor für den Autoritarismus.
In der christlichen Theologie kommt es zu dem Paradox, dass sich Jesus einerseits als (letztes) menschliches Opfer darstellt, die Individualisierung also revidiert, andererseits die individuelle Schuldkonstruktion verschärft mit einer Menge nicht einhaltbarer Gebote (Nächstenliebe, Armut usw.) Er stirbt für uns und erwirkt sich damit das Recht, neue Schuldforderungen – Glaube! – zu erheben. Einerseits ist Jesus in seinen Forderungen ein „Sozialist“ oder „Kommunist“ ist (Eigentum, Armut, Gehorsam etc.), andererseits führt er aber durch sein Menschenopfer wieder ein archaisches Gehorsamsverhältnis ein, das vor der Tausch- und Eigentumsgesellschaft existiert hat. Deswegen ist die Anerkennung der Sklaverei durch Paulus keine Verirrung, sondern ein religiöses Prinzip. Damit gequält haben sich die christlichen Sozialtheoretiker, etwa Augustinus, weil sie es nicht geschafft haben, diese archaischen Verhältnisse in der sozialen Wirklichkeit der Tauschgesellschaft herzustellen, die über eine mystische oder fantasierte Union im Sakrament hinausgehen. Daran leiden auch die gut gemeinten Vorschläge des Katholiken
Hengsbach heute. (Er sieht nicht die Dialektik von Wertform und Moral).
Wenn die Kirche die Familie als Ideal, Kernzelle usw. propagiert, hat das viel mit ihrem regressiven Hang, aber wenig mit dem Konzept des Jesus zu tun (Matthäus 19,29). Anders steht es um geschwisterliche Beziehungen innerhalb der Gemeinde. Dass Jesus die Familie derart manifest ablehnt, hängt wohl damit zusammen, dass die Familie im Gegensatz zu einer universellen Gesellschaft steht, zu Abgrenzung und Rückzug, zu Privateigentum neigt.

Eigentlich bietet das im Neuen Testament überlieferte Christentum verschiedene Varianten an: die streng tauschorientierte jüdische Auslegung, die sich um die penible Einhaltung von Ritualien und Gesetzen dreht, und die andere, am Geist der Gebote orientierte Auslegung der Gesetze, orientiert an den Schätzen im Himmelreich. Diese Schätze im Himmelreich sind aber nicht durch Tausch an sich erwerbbar. Das Prinzip, mit dem man sie erwirbt ist undurchsichtig – Sache Gottes. Mal gibt es Tauschäquivalenz (gute Taten - guter Lohn - schlechte Taten - Hölle), mal nicht (alle Arbeiter bekommen den gleichen Lohn). Ursache für diesen Wirrwarr, an dem die Kirche noch ewig zu rätseln hat, ist der Versuch von Jesus die Tauschverhältnisse religiös zu revidieren. Da aber Gott mit einer Logik der Gerechtigkeit verbunden sein muss und das Denken der Tauschgesellschaft schon bestimmend ist, sind mal die guten Taten für das himmlische Weiterkommen, mal die geschenkte Gnade Gottes entscheidend. So wie es Jesus bedeutungsvoll sagt bei Matthäus 19,26: „Für Gott ist alles möglich“. An diesem Widerspruch hängen bleibend werden sich später Theologen und Völker die Köpfe einschlagen; denn für sie ist das unmöglich.


Welche Rolle spielt Luther, selber Sohn eines Bergwerkbesitzers, in diesem Dualismus von archaischer und Tauschgesellschaft? Es heißt ja über ihn:
Er verlagert die Entscheidung, was als göttlich gewollt angesehen werden könne, von der Amtskirche auf das Individuum und gesteht damit dem Menschen volle Glaubensfreiheit und daraus folgend auch Entscheidungsfreiheit zu.
Auf diesem Grundgedanken basiert insbesondere auch die Aufklärung.

Luther trennt zwischen Leib und Seele. Die Seele ist frei, wenn sie an Jesus glaubt – von Luther vage definiert – und durch den Glauben erlöst. Der Leib, das ist eine andere Sache. Er braucht nicht die Werke, das Fasten, die Riten. Sinnvoll mag das nur sein wenn es einer gläubigen Seele entspringt.
Also Luther schafft durch diese Trennung zwei voneinander unabhängige Bereiche. Am Ende interessiert er sich aber nur für die Seele: das Evangelium, das Beten, der Ausschluss der Ungläubigen. Der Glaube wird entmaterialisiert. Gleichzeitig wird der materielle gesellschaftliche Bereich autonom – das ist die Sphäre der Gesellschaft, der Tauschverhältnisse, der Politik usw. Das ist die Basis des nun von religiösen Verpflichtungen befreiten Menschen. Hier stellt sich nicht mehr die Frage von Arm und Reich, von gesellschaftlicher Ordnung, von sozialer Verantwortung. Nicht dass sich Luther da nicht eingemischt hätte, aber es ist ein sekundäres nicht mit der Religion direkt verbundenes Problem.
Die Konzeption der Gnade durch Luther lässt sich nicht einfach in eine Legitimation des nun im Warentausch „freien“ Bürgertums ummünzen, genauso wenig wie für eine Begründung feudaler Macht (etwa bei der Abschlachtung der Bauern). Vielmehr wird von ihm hier wieder eine Utopie erneuert, mit der einmal das Paradies beschrieben wurde. Dort war Arbeit Adam eine Art von Unterhaltung gegen die paradiesische Langeweile. “
Damit er nicht müßig ging, gab Gott ihnen etwas zu schaffen“. In diesen Zustand soll den sündigen Menschen die Gnade zurückversetzen, ihm das Gefühl gegeben, einfach zu sein dürfen, unabhängig von Erfolgen und nach allen Niederlagen. (So etwa Steffensky). Hier wird aus der sozialen Utopie noch eines Augustinus, die maßgeblich für die feudale Gesellschaft des Mittelalters war, eine individuelle und religiöse. Wie überhaupt heute religiös und individuell für uns heute zusammenfällt. Das Konzept der Schuld, Sünde, Glauben usw. ist keines einer gesellschaftlichen Verfassung oder Beziehungsstrukturen, sondern eines von Individuen.

Aber macht nicht die Gnade das Opfer sinnlos oder überflüssig? Weswegen sollte ein barmherziger Gott das Opfer von Jesus nötig haben? Was ist das für eine Barmherzigkeit? Ich weiß nicht, wie Luther das sieht. Mir scheint, er hat das Opferverhalten von Jesus nicht wirklich verstanden. Es war kein Tauschgeschäft, das ab jetzt Gnade und Barmherzigkeit möglich macht. (Jesus ist ein Feind der Händler, er vertreibt sie aus dem Tempel.)
Noch andere Fragen dazu:
Hat Jesus sich selbst als das Opfer verstanden, als das es dann die Evangelisten und Nachfolger interpretiert haben oder ist er eher ohne bewusst zu Wollen in die Mühle der Justiz geraten?
Welche Art von Zugehörigkeit, Community oder Gemeinde wollte Jesus begründen?
Das Wort ist Fleisch geworden, heißt es, aber welches Wort? Ist es nicht ein Problem des Christentums, dass das bisschen Fleisch das es geworden ist, sehr schnell wieder gestorben ist, um – paulinisch – als „Geist“ wieder aufzuerstehen?
Ist nicht die Entmaterialisierung des christlichen Lebens, die Luther an Paulus, Augustinus, die Griechen, die Gnosis, die Manichäer anknüpfend, eben die Verhinderung der Fleischwerdung des Wortes?
Könnte man nicht eher sagen: das Wort, also den Begriff, den die Menschen über ihre wahren sozialen Verhältnisse und Gemeinde haben, ist Geld geworden – „dem Kaiser, was des Kaisers ist“.
Ist Gemeinde, Gesellschaft, Gemeinschaft religiös derart „entmaterialisiert“, wird Zugehörigkeit zu einer Gemeinde reduziert auf Partizipieren an Symbolen und Ritualen. Es fehlt ihnen Fleisch und Blut und reduziert sich auf Hostie und Messwein. Das wirkliche Leben wird auf das Negative und Böse projiziert. Die Gemeinde wird durch Autorität und Ressentiments gegen die Außenstehenden, die Juden und Heiden, zusammengehalten. Es ist negative Gemeinde.
Diesen Mangel soll die christliche Caritas überbrücken. Dabei verhält es sich bei ihr wohl wie mit der christlichen Hospiz - von Illich so beschrieben: In dem Maße, wie in Europa Hospize aufgebaut wurden, nahm die gewöhnliche Gastfreundschaft ab.

Andere Frage: Wie verhält sich der individuelle Tod zum Opfer? Über kurz oder lang fordert ja Gott - christlich von jedem das Opfer. Das Leben bis dahin ist nur ein Geschenk, eine Gnade. Die Gnade ist die Zivilisierung des religiösen Verhältnisses, eine Art Waffenstillstand bis zum Tode. Dann nimmt Gott wieder, was er gegeben hat. Gott hat’s gegeben, Gott hat’s genommen. Auch der Dankbarkeitskult der Christen baut auf diesem göttlichen Eigentumsverhältnis auf, das immer zugleich ein Opferverhältnis ist. (Der Dankbarkeitskult, der en passant die gesellschaftlichen Arbeits- und Ausbeutungsverhältnisse weglügt: Kein Gedanke beim frommen Tischgebet an den Arbeiter, der dieses tägliche Brot erschunden hat.)

Den Rekurs des Christentums auf die Vortauschgesellschaft zeigt das Sakrament der Kommunion, im Grunde ein kannibalischer Akt des Verzehrs von Fleisch und Blut eines Menschen. Uns mag die kannibalische Welt grausam erscheinen, der Rekurs darauf pervers, aber die Riten haben innerhalb deren Welt nicht diese grausame und perverse Bedeutung. In dem Sakrament der Kommunion wird aus den Individuen eine Gemeinde: ein Leib (Römer 12,5), wie in der „unio mystica“, der mystischen Verschmelzung des Individuums mit Gott.


Um das Denken vor der Tauschgesellschaft zu verdeutlichen möchte ich noch auf das Töten von Tieren und die Beziehung zum Opfern eingehen. In der der Tauschgesellschaft vorausgehenden Jägergesellschaft, in der wohl Kannibalismus und Menschenopfer Brauch waren, ist dieses Menschenopfer keine Bestialität usw., sondern eine Art von Ausgleich mit dem umgebenden Universum. Die Menschen töten die Tiere und müssen sich deswegen selber opfern. Das Opfer stellt die Ordnung wieder her.
Heute, wo man gedankenlos Tiere tötet und frisst, ist dieser Ausgleichsgedanke verloren gegangen und alles wird getan, um sich ein sauberes Image zu erhalten: die gefliesten Schlachthöfe, der Horror vor realem Blut überspielt. Die Fleischerhaken in Plötzensee, Auschwitz hat sich an diesen Schlachthöfen orientiert. Der Menschen beginnt so über sich zu denken, wie er über die Tiere denkt. Dagegen kämpfen Menschen verzweifelt und bewusstlos um jeden Lebenstag. Der Tod, der in der Weltsicht der vorindividuellen und vortauschbezogenen Gesellschaft noch ein Element eines kosmischen Kreislaufs war – so nehme ich an! – verliert vollends seinen Sinn, ist nur noch ein Ende und nicht mehr Beginn für etwas Neues. Wir würden unseren Tod anders sehen, wären wir uns der Tatsache bewusst, dass die Tiere für uns sterben, dass wir ihr Leben verzehren, um unseres zu haben, vielleicht hätte der Tod für uns Menschen eine andere Bedeutung, würden wir uns unseren „Opfern“, den Tieren „angleichen“. Unser Bewusstsein von Leben und Tod würde sich verändern. „Opfern“ wäre dann ein Übergang von einem Zustand in einen anderen. Wir können das freilich nicht mehr so denken wie die Sammler und Jäger. Für sie hatten die Dinge der Welt einen anderen Charakter als für uns. Man denke an das magische Denken, an das Besetztsein der Natur mit Geistern. Dinge, die sich dadurch in andere verwandelten, Ausdruck und Symbole eines Anderen waren, anderer belebter Wesen. Dagegen beschreibt die Naturwissenschaft heute die Dinge als unserem Seelenleben fremde Elemente, Der Begriff der „Verdinglichung“ beschreibt diesen Übergang aus einer belebten in die tote physikalische Welt von heute.
Wir können diese Verdinglichung nicht mehr rückgängig machen, uns nicht einreden, hinter den Dingen wären irgendwelche Geister. Und doch sind in uns die Stimmen geblieben, die nun nicht mehr aus dem Dornbusch sprechen, die Gefühle, die Trauer über die verloren gegangenen Beziehungen, die Wünsche, die noch leben, die Hoffnungen. Das Lebendige ist zum „Innenleben“ geworden, das sich hin und wieder in den Verbindungen der Menschen realisiert.

Die Individualisierung, die Luther erneuert und für die Moderne in ein Evangelium gefasst hat, ist nicht mehr als eine symbolische. Sie abstrahiert von den tatsächlichen sozialen Zusammenhängen, in denen das Individuum steht, sie abstrahiert auch von seiner sozialen Bedürftigkeit, seinen sozialen Antrieben, von Eros und Aggression. Diesen Bereich macht sie von Religion frei und damit von moralischem Verhalten und gesellschaftlichem Diskurs. Das bedeutet auch, dass jenseits von Caritas kein sozialer Diskurs mehr bindend geführt werden muss. Es ist Privatsache. Und es ist so kein Wunder, wie die protestantische Kirche in die Verbrechen der letzten Jahrhunderte hineingestolpert ist.

In einem anderen Zusammenhang will ich noch einmal auf die Rolle des Opferns im heutigen menschlichen Leben hinweisen. Es sind die umstrittenen Theorien von Hellinger. Seine Kritiker subsumieren die Erfahrungen in den Familienaufstellungen auf inszeniertes Theater. Wenn es so ist oder wäre, dann lässt sich fragen, woher die Überzeugungskraft der durch Familienaufstellungen hervorgerufenen Gefühle herrührt : Offensichtlich gibt es ein Reservoir solcher intensiven Gefühle in uns und sie sind nicht nur in diesen „Inszenierungen“ aktiv, sondern auch im täglichen Leben im Hintergrund bestimmend.
In unserem Gefühlsleben spielt die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft eine große Rolle – sei es Familie, Nation usw. – und das Gesetz, dass dort Gerechtigkeit und ein Ausgleich herrsche. (Begriffe, die Hellinger bekämpfen muss, weil er neoliberal statt dialektisch denkt, um seiner eigenen Theorie zu entrinnen). Hier kommt es im Selbstmord, im Verzicht, Zölibat, Krankheit usw. immer wieder zum Opfer, bei dem ein Nachfolger versucht, in einer falschen Identifikation das historische Ungleichgewicht wiederherzustellen. Dieser systemtheoretische Ansatz, wenn auch mit unreflektierten ahistorischen Heilskonzepten, wurde von deutschen „Intellektuellen“ äußerst polemisch angegangen. Ich denke nicht wegen der religiösen Konzepte - denn die Kritiker sind es ja wie im Falle des Spiegels selber – sondern wegen der Erschütterung eines bürgerlichen Individualismuskonzepts. So etwa Hilgers, Adlerschüler und als Forensiker Spezialist für sozialen Ausschluss, der natürlich, weil sein Vorgehen das der projektiven Beschuldigung und nicht von Einleiten von Verständigungsprozessen ist, das bürgerliche Individuum in Frage gestellt sieht, das sich zuerst schuldig und so „verantwortlich“ fühlen soll (FR vom 26.06.01).



Zusammenfassend
Die biblische Gesellschaft ist eine Tauschgesellschaft. Jesus versucht teilweise die vollzogene Individualisierung zu revidieren in Richtung auf eine Vortauschgesellschaft, die das Menschenopfer verlangt und die soziale und religiöse Bindungen betont. Das Mittelalter hat das im Märtyrerkult und im Feudalsystem teilweise nachvollzogen. Aber im Laufe der Stadtbildung und Arbeitsteilung setzt sich die Tauschgesellschaft wieder durch. Luther trägt dem mit seiner Religion des Gewissens Rechnung. Er ermöglicht damit den modernen Individualismus, das Tauschsystem, das dann im Kapitalismus total wird.
Insgesamt kann im man Christentum nicht die Wurzel der modernen Individualisierung sehen, eher in der jüdischen Religion, die freilich auch nur die materiellen Voraussetzungen der Städtebildung und Arbeitsteilung religiös nachvollzieht.